Straßburger Eide

Les Serments de Strasbourg (842).

Sie sind zwar keine Literatur, doch beginnen Literaturgeschichten häufig mit ihnen, weil der franz. Wortlaut dieser auf Altfranzösisch und Althochdeutsch abgelegten Eide der älteste erhaltene Text in franz. Sprache ist. (Althochdeutsche Texte sind noch einige ältere erhalten). Die Eide sind überliefert als Zitate in der lateinisch verfassten Chronik Historiarum libri IV des Nithard (9. Jh.), die ihrerseits in einer Abschrift aus dem 10. Jh. vorliegt.

Sie wurden geschworen von dem ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen und dem westfränkischen König Karl dem Kahlen sowie ihren Unterführern, und zwar beim Abschluss eines Bündnisses dieser beiden Halbbrüder gegen ihren ältesten Bruder, Kaiser Lothar. Dieser nämlich gab sich nach dem Tod ihres Vaters, Kaiser Ludwigs des Frommen († 840), und der von diesem verfügten Dreiteilung des Frankenreichs nicht mit dem ihm zugewiesenen Mittelteil zufrieden. Vielmehr beanspruchte er, da er als ältester  die Kaiserwürde geerbt hatte, die Oberhoheit über das gesamte Reich (also grosso modo das Gebiet des jetzigen Frankreichs, der Benelux-Staaten, der alten Bundesrepublik plus Thüringen, der Schweiz, Westösterreichs sowie Nord- und Mittelitaliens).

Bei ihrem Treffen in Straßburg schworen zunächst die offenbar zweisprachigen beiden Könige, und zwar Ludwig der Deutsche, damit er zugleich auch von Karls Unterführern verstanden wurde, in "romana lingua", dann Karl analog in "teudisca lingua". Hiernach schworen jeweils die sichtlich nicht zweisprachigen Unterführer, nämlich die von Karl in ihrer französischen und die von Ludwig in ihrer deutschen Sprache. Die beiden franz. Textpassagen lauten:

[Ludwig:] Pro deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di in avant, in quant deus savir et podir me dunat, si salvarei eo cist meon fradre Karlo et in aiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dift, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid nunqua prindrai, qui meon vol cist meon fradre Karlo in damno sit.

[Karls Unterführer:] Si Lodhuvigs sagrament, que son fradre Karlo jurat, conservat, et Karlus meus sendra de sue part lo franit, si returnar non l'int pois, ne io ne neuls, cui eo returnar int pois, in nulla adhiuda contra Lodhuvig nun li iv er.

(In eigener, möglichst wortgetreuer Übersetzung): Für Gottes Liebe und für des christlichen Volkes und unsere gemeinsame Rettung, von diesem Tag vorwärts (=in Zukunft), in soweit Gott Wissen und Können mir gibt, so werde beistehen ich diesem meinen Bruder Karl sowohl in Hilfeleistung als auch in jeder Angelegenheit, so wie man zu Recht seinem Bruder beistehen soll, auf das dass er mir genauso tue; und mit Lothar kein Abkommen werde ich niemals treffen, das meines Willens diesem meinen Bruder Karl zum Schaden sei.

Falls Ludwig den Eid, den er seinem Bruder Karl schwört, wahrt und Karl mein Herr seinerseits ihn bricht, wenn abhalten nicht ihn davon ich kann, [dann] weder ich noch irgend jemand, den ich davon abhalten kann, in irgendeiner Hilfeleistung gegen Ludwig nicht ihm dort werde [ich] sein.

Wie man sieht, hatte (der im Auftrag Karls des Kahlen arbeitende) Nithard bzw. der Schreiber des altfranz. Textes große Schwierigkeiten, die Sätze, die er gehört hatte, zu verschriftlichen, denn er hatte, wie damals üblich, Lesen und Schreiben nur anhand lateinischer Texte gelernt. So etwas wie eine eigene franz. Schriftsprache gab es noch nicht, denn bis weit über das Jahr 1000 hinaus wurde alles, was für aufschreibenswert gehalten wurde, von lateinkundigen Spezialisten, meist theologisch gebildeten Klerikern, in Latein aufgeschrieben. (Dieses Latein, das sog. Kirchen- oder Mittellatein, glich allerdings längst nicht mehr demjenigen, das um die Zeitenwende herum im alten Rom gesprochen worden war und dessen literarisches Register wir als klassisches Latein aus den Werken eines Cäsar, Cicero, Ovid, Horaz oder Vergil kennen).

P.S.: Das damalige Frankenreich war in sprachlicher Hinsicht ein sehr heterogenes Gebilde. Im Westteil wurden franz. und okzitanische Dialekte gesprochen und im Ostteil nieder- und oberdeutsche Dialekte; das Mittelreich "Lotharingia" (wovon sich die Bezeichnungen dt. Lothringen und frz. Lorraine ableiten) umfasste zusätzlich auch noch alpenromanisch- und italienischsprachige Gebiete.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur

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