Rolandslied

La Chanson de Roland (ca. 1100).
 
Dieses Versepos von 4002 assonierenden Zehnsilbern in 290 Strophen ist eines der ältesten und das vielleicht beste, heute jedenfalls das bekannteste Werk der Gattung "Chansons de geste" (=Heldentatenlieder), die im 11./12. Jh. florierte und deren Texte in einer Art Sing-Sang-Vortrag von meist professionellen reisenden Spielleuten vor einem größeren Hörerkreis dargeboten wurden.
In Handschriften erhalten sind insgesamt rd. 80 Chansons de geste, davon etliche in unterschiedlichen, z.B. erweiterten oder gekürzten Versionen. Viele dieser überwiegend ohne Autornamen überlieferten Werke scheinen auf älteren, z.T. nur mündlich tradierten Vorlagen zu beruhen, häufig ranken sie sich (fast wie Serienromane) um ein und dieselbe Heldenfigur und übernehmen dabei viele Elemente der Heiligenlegende.
Inhaltlich geht es meist um siegreiche Kriegszüge Kaiser Karls des Großen oder Kaiser Ludwigs des Frommen und/oder ihrer Heerführer gegen die "Heiden", d.h. die Araber bzw. "Mauren", die seit ihrem Einfall nach Europa im Jahr 711/12 Süd- und Mittelspanien beherrschten. Die Thematik der Heidenkriege war lange Zeit aktuell, einmal dank der Reconquista (=Rückeroberung) Spaniens, die gegen 1000 vom christlich gebliebenen Nordspanien her intensiviert wurde, und zum anderen dank der 1095 beginnenden Kreuzzüge, d.h. der Versuche französisch-englisch-deutscher Ritterheere, das seit 500 Jahren von Moslems beherrschte Jerusalem zu erobern und das heilige Grab unter christliche Herrschaft zu bringen.
Die Gattung der Chansons de geste scheint besonders in den Klöstern entlang der Jacobswegen durch Frankreich nach Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien gepflegt worden zu sein, als Mittel zur Unterhaltung und Erbauung der dort jeweils übernachtenden Pilger.
Die Chanson de Roland erzählt die folgende Geschichte: Kaiser Karl der Große hat in sieben Jahren Krieg fast das ganze heidnische Spanien erobert bis auf Zaragosa, dessen König Marsilie ihm Unterwerfung und Konversion zum Christentum anbietet – beides aber nur zum Schein, um den Abzug des fränkisches Heeres zu erreichen. Karl versammelt den Rat der Barone, in dem sein Schwiegersohn Ganelon rät, das Angebot anzunehmen, während sein Neffe Roland, der zugleich ungeliebter Stiefsohn Ganelons ist, den Kampf fortsetzen will. Karl, der schon 200 Jahre alt und kriegsmüde ist, schließt sich Ganelon an, worauf Roland mit verletzender Ironie diesen als Unterhändler vorschlägt. Der beleidigte Ganelon sinnt nun auf Rache. Er begibt sich zu König Marsilie, dem er Roland als einen Kriegstreiber darstellt, ohne dessen Beseitigung es keinen Frieden geben werde. Marsilie soll deshalb mit einer Übermacht die Nachhut des abziehenden fränkischen Heeres überfallen; Ganelon will dafür sorgen, dass Roland ihr Befehlshaber ist. Alles geschieht, wie geplant. Als die Nachhut den Hinterhalt bemerkt, wird Roland von seinem besonnenen Freund und Schwager in spe Olivier gedrängt, sofort mit dem Signalhorn Olifant das fränkische Heer zu Hilfe zu rufen, doch der stolze Roland lehnt ab. Erst nachdem seine Krieger, darunter der Erzbischof Turpin, einer nach dem anderen in heldenhaftem Kampf gefallen sind (was liebevoll-ausführlich dargestellt wird) und er selbst tödlich verwundet ist, bemüht er mit letzter Kraft Olifant. Karl eilt herbei und schlägt die Heiden in die Flucht. Auch ein riesiges Heidenheer unter Emir Baliguant, das nun Marsilie zu Hilfe eilt, wird besiegt, nicht ohne dass Karl und Baliguant zum Zweikampf antreten. Zurück in seiner Residenz Aachen lässt Karl Gericht halten über Ganelon, doch dessen mächtige Familie stellt sich schützend vor ihn; sein Verwandter Pinabel will ihn im gerichtlichen Zweikampf vertreten. Erst als Thierry d'Ardenne sich für die gerechte Sache zu kämpfen erbietet und Pinabel mit Gottes Hilfe besiegt, kann Ganelon samt seiner Familie bestraft werden. Dies allerdings verhindert nicht die Trauer und den Tod von Rolands junger Verlobten Aude. Karl dagegen hat eine Vision von Engeln, die ihm weitere Kämpfe verkünden.
Lesen wir die ersten "Laissen" (=die für das Genre typischen Strophen ungleicher Länge) der Chanson de Roland, und zwar in der als die beste geltenden Version der sog. Oxforder Handschrift, einem in anglonormannischem Dialekt, d.h. auf englischem Boden redigierten Text:
Charles li reis, nostre emperere magnes,
sept anz tuz pleins ad estéd en Espaigne,
Tresqu'en la mer cunquist la terre altaigne;
N'i ad castel ki devant lui remaigne,
Mur ne citét n'i est remés a fraindre
Fors Sarraguce, ki est en une muntaigne,
Li reis Marsilie la tient, ki Deu nen aimet,
Mahumet sert et Apollin recleimet ;
Ne's puet guarder que mals ne l'i ateinget. Aoi.

Karl der König, unser Kaiser großer, sieben Jahre ganz volle ist er gewesen in Spanien, bis an das Meer eroberte er das Hochland, es gibt dort keine Burg, die vor ihm bestünde, Mauer noch Stadt ist dort verblieben zu brechen, außer [der Stadt] Zaragosa, die ist auf einem Berg, der König Marsilie hält sie, der Gott nicht liebt, [sondern] Mohammed dient und Appollo anruft; er kann sich nicht schützen, dass Schlimmes ihn nicht trifft.
Li reis Marsilie esteit en Sarraguce,
Alez en est en un verger suz l'umbre,
Sur un perrun de marbre bloi se culched,
Envirun lui plus de vint milie humes.
Il en apelet et ses dux et ses cuntes :
"Oez, seignurs, quel peccét nus encumbret :
Li empereres Carles de France dulce
En cest pais nos est venuz cunfundre

Der König Marsilie war in Zaragosa, gegangen hin ist er in einen Baumgarten unter den Schatten, auf eine Steinbank aus weißem Marmor legt er sich, herum um ihn mehr als zwanzigtausend Mann, er ruft davon seine Herzöge und seine Grafen: "Hört, Herren, welches Unglück uns behelligt: Der Kaiser Karl vom süßen Frankreich in dieses Land uns ist gekommen zermalmen.
Die Chanson de Roland war nicht nur in Frankreich wohlbekannt und verbreitet, sondern lieferte auch die Vorlage oder den Stoff für zahlreiche Übertragungen, Bearbeitungen und sonstige Texte in anderen europäischen Sprachen. In Deutschland z.B. wurde sie um 1170 vom Pfaffen Konrad übertragen, in Italien ließ Ludovico Ariosto 1516 seinen berühmten Versroman Orlando furioso erscheinen, der seinerseits dem Stoff neue große Verbreitung verschaffte.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
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