Prosa des 17. Jahrhunderts

Im Unterschied zur Dichtung oder zum Theater genoss die Prosa in dieser Zeit wenig Ansehen und nur einzelne Schriftsteller widmeten sich ausschließlich dieser Gattung. Aus diesem Grund wurden weniger Werke in dieser Form verfasst, die sich jedoch dem strengen Regelwerk der geltenden Vorschriften für Dichtung und Theater nicht anpassen mussten. Dadurch entstanden in Form und Stil unterschiedliche Prosatexte, die gleichermaßen Anklang fanden. Am deutlichsten wird die Vielfältigkeit der Prosa in den Episteln des Adligen Jean-Louis Guez de Balzac und des aus der Familie eines Händlers stammenden Vincent Voiture. Während Voiture witzig, galant und unterhaltsam schreibt, zeigt Balzac einen pompösen und ernsthaften Stil. Beide Schriftsteller wurden jedoch gleich geschätzt, frequentierten die gleichen Salons und trugen, jeder auf seine Art, zur Reform der französischen Prosa bei.

Die Prosa des 17. Jahrhunderts unterscheidet sich von der vorherigen Periode in der geschickten und gut durchdachten Satzkonstruktion, ohne durch Konjunktionen und Relativpronomen verschachtelte Sätze. Die Prosa wurde klarer, harmonischer, rhythmischer und die stilistischen Feinheiten zeigten durch die elegantere Satzkonstruktion mehr Wirkung auf den Leser. Die klarere Form forderte einen adäquaten Inhalt, der nach und nach zu einem wichtigen Bestandteil des Textes wurde und machte das Eintreten von Philosophie, Moral, Religion und Geschichte in die Literatur möglich.

Dies war nicht zuletzt der Verdienst von René Descartes, dessen Philosophie auf dem Rationalismus der Betrachtungsweise, der Klarheit der Gedanken und der Einfachheit der Sprache beruhte. Nach dem Erfolg seiner Werke erschienen zahlreiche philosophische Abhandlungen (u.a. von Pierre Bayle und Fontenelle), die die herrschende gesellschaftliche Moral in Frage stellten und klar ausgeprägte antiklerikale Ansätze enthielten.

Mit Blaise Pascal, François de la Rochefoucauld und Jean de La Bruyère wurde das Interesse der Philosophie an der Moral, den gesellschaftlichen Normen und dem sittlichen Verhalten des Menschen erweckt. Die Moralisten komprimierten ihre Gedanken in Kurztexten (Maxime und Aphorismen), die durch ihre Kürze und Genialität im Gedächtnis blieben und weit verbreitet werden konnten.

Der herausragende Redner Jacques Bossuet, Bischof von Meaux, widmete sich auf Grund seines Amtes als einflussreichstes Mitglied des Grand conseil de l'Église de France vor Allem religiöser Thematik. Er erhob die Redekunst zu einer literarischen Gattung. Die Merkmale seiner Reden waren Einfachheit und Klarheit der Argumente, die er durch kontrastreiche und bildhafte Darstellung untermauerte und die katholische Ideologie erklärte. Seine Nachfolger Bourdaloue, Fléchier und Massillon setzten sich in ihren Reden das Ziel einer moralischen Verbesserung der Gesellschaft. Ebenfalls eine religiöse Thematik weisen die Werke von François Fénelon auf, der jedoch im Gegensatz zu dem Dogmatiker Bossuet die Schönheiten der Natur als größten Beweis für die Existenz Gottes sah. Auf Initiative von Bossuet wurde er durch ein päpstliches Gericht verurteilt und musste seinen Überzeugungen absprechen.

Zwischen Geschichtsschreibung und Literatur waren die Memorialisten angesiedelt. Wie die Moralisten oder die religiösen Redner und Schriftsteller beschäftigten sie sich mit den Ideen und Sitten der Gesellschaft dieser Zeit, jedoch nicht unter philosophischen oder religiösen Aspekten, sondern durch eine subjektive Betrachtungsweise der Epoche. Die Memorien von François de la Rochefoucauld, Kardinal de Retz und Saint-Simon waren die wichtigste Informationsquelle für das Zeitgeschehen. Eine ebenfalls bedeutende Quelle sind die politischen, literarischen und religiösen Briefwechsel und die Korrespondenz des Hochadels. Besonders interessant sind die Briefe von Mme de Sévigné und Mme de Maintenon, die die Briefkunst zu einer literarischen Gattung erhoben.

Das 17. Jahrhundert gilt ebenfalls als Entstehungszeit des Romans im modernen Sinne. Zu Beginn des Jh.s beherrschten barocke Tendenzen die Romanschreibung. Es entstanden lange, mehrbändige Werke, die keinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit in der Erzählung hatten und vielmehr der Unterhaltung dienten. Die verwendete Sprache war üppig verschnörkelt und bediente sich übertrieben stilistischer Mittel. Thematisch gesehen entwickelte sich der Roman aus dem Ritterroman des 16. Jahrhunderts zum realitätsfernen idealistischen Schäferroman, dessen wichtigstes Beispiel das 5000-seitige Werk Astrée von Honoré d'Urfé ist. Nach spanischem Vorbild und unter dem Einfluss des Erfolges von Astrée verbreiteten sich die Abenteuerromane von Gombervilles und Madeleine de Scudéry, die über phantastische Heldentaten zumeist in fernen Ländern erzählten. Als Persiflage auf die Schäfer- und Abenteuerromane schrieben Charles Sorel, Tristan L’Hermite, Paul Scarron und Antoine Furetière satirische Antiromane, die aber einen durchaus realistischen Einblick in die zeitgenössische Gesellschaft gaben.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zeigte sich eine tiefgreifende Veränderung. Dies betraf zuerst den Umfang der Romane, der nicht selten bis zu einer Novelle schrumpfte. Auch der Inhalt der Romane wurde realitätsbezogener und handelte nicht mehr von unwahrscheinlichen Abenteuern, sondern von persönlichen und intimen Erlebnissen. Der Schwerpunkt der Erzählung verschob sich von der Handlung auf die psychologische Analyse der Charaktere, die jetzt eine Identifizierung mit den handelnden Personen möglich machte. Besondere Aufmerksamkeit erlangte Madame de La Fayette mit ihrem psychologischen Roman La Princesse de Clèves, der den Leser auf Grund der feinen Einfühlsamkeit in seinen Bann zog und somit eine leidenschaftliche gesellschaftliche Auseinandersetzung hervorrief. Eine weitere Möglichkeit die Psyche der Romanfiguren darzustellen, bot der Briefroman. Mit seinem Werk Lettres portugaises gelang es Gabriel-Joseph de Guilleragues einen Roman mit fünf Briefen einer Nonne zu verfassen, die zunächst für authentisch angesehen wurden. Die Ich-Form der Erzählung und die glaubhafte Darstellung bewirkten eine breite Identifizierung der Leserinnen mit der Hauptfigur des Romans.

Zeitgleich kam der Utopische Roman in Mode. Inspiriert von der Entdeckung neuer Kontinente und Kulturen, sowie unter dem Einfluss der utopischen Philosophie von Thomas More, Francis Bacon und de Campanella, entstanden zahlreiche Zukunftsromane mit aufklärerischem Anspruch. Fontenelle vermittelte in leichter Form die Möglichkeit der Existenz anderer Zivilisationen auf fremden Planeten, was in krassem Gegensatz zum offiziellen kirchlichen Dogma stand. Cyrano de Bergerac beschrieb mit seinen Reisen auf ferne Planeten utopische Gesellschaften, mit denen er die kirchliche Lehre und die königliche Autorität in Frage stellte und vorherrschende gesellschaftliche Normen relativierte. Interessant sind seine Erwähnung von Trägerraketen, Tonbändern und sprechenden Büchern, die der technischen Entwicklung Jahrhunderte zuvor kamen.

Eine Variante der neu geborenen Science-Fiction-Literatur waren die märchenhaften Erzählungen. Die Kunstmärchen von Charles Perrault, L'Héritier de Villandon, Catherine Bernard und Marie-Catherine d'Aulnoy wandten sich mit phantastischen Schilderungen von Feen, Zauberern, Drachen usw. auf den ersten Blick an Kinder, jedoch waren die moralischen und politischen Komponenten offensichtlich. Durch die Verwendung von traditionellen Figuren der Volksmärchen schufen die Autoren eine wertvolle Verbindung zwischen der offiziellen Kunst und der Volkskultur.

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