Höfische Lyrik

Lyrisme courtois (ab ca. 1100). Es ist eine meist sehr kunstvolle Lyrik, die nach ursprünglich spanisch-arabischen Vorbildern für ein überwiegend adeliges Publikum an Fürstenhöfen verfasst und gesungen vorgetragen wurde. Ihre Blütezeit war um 1200, doch haben ihre Vorstellungswelt und Bildersprache bis ins 15. Jh. hinein fortgelebt. Der höfische Dichter spricht vor allem von der liebenden Verehrung des mit ihm selbst identisch gedachten lyrischen Ichs für eine Dame (das Wort kommt von lat. domina "Herrin"!), wobei diese weniger als potenzielle Geliebte gesehen wird denn als unerreichbares ideales Ziel der Sehnsucht und des Strebens. Wichtigste Dichter (trouvères) im nördlichen Frankreich sind die Kleinadeligen Gace Brulé (1165 - ca. 1212) und Conon de Béthune (ca. 1150-1220) sowie der hochadelige Graf Thibaud de Champagne (1201-1253). Der Ursprung und das Zentrum dieser Lyrik allerdings lagen im 12. Jh. in der damals okzitanisch sprechenden und schreibenden (dem arabischen Spanien näheren) Südhälfte Frankreichs mit ihren vielen kleinen und mittleren Höfen, an denen sich eine Fülle von Trobadors unterschiedlichster sozialer Herkunft betätigten, sowie auch einige adelige trobadoriz. Es war dies eine kulturell sehr lebendige Welt, die aber zerstört wurde durch den brutalen "Kreuzzug", den ab 1208 auf Geheiß des Papstes und mit Rückendeckung der franz. Krone Simon de Montfort in Südwestfrankreich führte, angeblich um die dort verbreitete präprotestantische Sekte der Albigenser zu rekatholisieren, tatsächlich aber um die politische Quasi-Unabhängigkeit der Region von Paris zu brechen, was 1229 unter König Louis IX bzw. seiner noch für ihn regierenden Mutter Blanche de Castille erreicht wurde. Die bedeutendsten altokzitanischen Lyriker sind: der mächtige Territorialfürst Herzog Wilhelm (Guilhem) von Aquitanien (1071-1126), der als erster Troubadour überhaupt gilt, Marcabru, Bernart de Ventador, Jaufré Rudel, Bertran de Born, Arnaut Daniel. Von Südfrankreich aus übrigens inspirierten die Themen, Motive, Stilmittel und Formen der höfischen Lyrik die Minnesänger in Deutschland und die Dichter der süditalienischen "Scuola siciliana" sowie des Florentiner "dolce stil novo" um Cavalcanti und Dante.

Eine Kostprobe von Guilhem in Altokzitanisch bzw. "Provenzalisch" (wie die deutschen Hochschul-Romanisten früher sagten, als sie diese Sprache noch lernten):
Ab la dolchor del temps novel
foillo li bosc, e li aucel
chanton, chascus en lor lati,
segon lo vers del novel chan ;
adonc esta ben c'om s'aisi
d'acho dont hom a plus talan.
Mit der Süße der neuen [Jahres]Zeit/ beblättern sich die Wälder und die Vögel singen, jeder in seinem "Latein", gemäß dem Vers[maß] des neuen Gesanges. Da ist es gut, dass man sich wohl sein lässt bei dem, wozu man am meisten Lust hat.
De lai don plus m'es bon e bel
non vei mesager ni sagel,
per que mon cor no'm dorm ni ri,
ni no'm aus traire ad enan
tro que eu sacha ben de fi
s'el es aissi com eu deman.
Von dort, wo es mir am besten und schönsten ist (=von der Geliebten), habe ich weder  Bote noch [Brief]Siegel gesehen, weshalb mein Körper (=ich) nicht schläft noch lacht, noch ich mich voran zu bewegen wage, bis ich ganz  endgültig weiß, ob sie so ist, wie ich möchte.
La nostr' amor vai enaissi
com la branca del albespi,
Qu'esta sobre l'arbr' en treman,
la nuoit, ab la ploia ez al gel,
tro l'endeman,qu'el sols s'espan,
par las fueillas verz e'l ramel.
Unsere Liebe geht so wie der Ast des Weißdorns, der zitternd auf dem Baum ist, bei Nacht, mit dem Regen und dem Frost, bis zum Morgen, wo die Sonne sich ausbreitet durch die grünen Blätter und das Geäst.
Enquer me menbra d'um mati,
que nos fezem de guerra fi,
e que'm donet un don tan gran :
sa drudari' e son anel.
Enquer me lais Dieus viure tan
c'aia mas mans soz so mantel !
Noch erinnert es mich eines Morgens, wo wir mit dem Krieg Schluss gemacht haben und wo sie mir ein so großes Geschenk gemacht hat: ihre Trautheit/Zärtlichkeit und ihren Ring. Noch lasse Gott mich so lange leben, dass ich meine Hände unter ihrem Mantel haben möge.
Qu'eu no ai soing de lor lati
Que'm parta de mon Bon-Vezi,
Qu'eu sai de paraulas com van,
Ab un breu sermon que s'espel :
Que tal se van d'amor gaban :
nos n'avem la pessa e'l coultel.
Denn ich kümmere mich nicht um ihr (=der anderen Leute) "Latein" (=Gerede), das mich von meinem Guten Nachbarn (=der Geliebten) trennen will, denn ich weiß die Worte (=den Wortlaut), wie sie gehen von einem kurzen Spruch (=Sprichwort), der sich buchstabiert: Zwar manche sind am Angeben mit der Liebe [die sie angeblich genießen], wir [aber] haben das Stück [Braten?] und das Messer [dazu].

Wie man sieht, ist bei Guilhem, dem es als reichem und mächtigen Mann sicher nicht schwerfiel, willige Objekte seiner Wünsche zu finden, die Vorstellung von Liebe noch nicht ganz so platonisch wie beim Gros der späteren, meist kleinadeligen Troubadours. Deshalb eine Kostprobe auch von Thibaud de Champagne (gut 100 Jahre später). Thibaud ist zwar ein fast ebenso mächtiger und reicher Fürst wie Guilhem, doch ist inzwischen in der höfischen Lyrik die idealistische Vorstellung von Liebe und ihre Einbettung in eine bestimmte Begrifflichkeit und Bildlichkeit so fest etabliert, dass auch er diese Konventionen respektiert. Ein direkter Bezug zwischen dem Text und der Lebensrealität des Autors scheint hier kaum mehr vorhanden und auch nicht angestrebt:
Ausi comme l'unicorne sui
qui s'esbahist en regardant,
quant la pucele va mirant.
Tant est liee de son ennui,
pasmee chiet en son giron ;
lors l'ocit on en traïson.
Et moi ont mort d'autel senblant
Amors et ma dame, por voir :
Mon cuer ont, n'en puis point ravoir.
So wie das Einhorn bin ich, das ganz hingerissen ist beim Sehen, wenn es am die Jungfrau Anblicken ist. Es ist so froh gegenüber seinem [bisherigen] Kummer, dass es ohnmächtig in ihren Schoß fällt. Dann tötet man es hinterhältig. Mich aber haben die Liebe und meine Dame in derselben Weise umgebracht, wahrlich. Sie haben [nun] mein Herz, ich kann es nicht von ihnen zurück haben.

Dame, quant je devant vous fui
et je vous vi premierement,
mes cuers aloit si tressaillant
qu'il vous remest quant je m'en mui.
Lors fu menez sanz raençon
en la douce chartre en prison
dont li piler sont de Talent
et li huis sont de Biau Veoir
et li anel de Bon Espoir.
Dame, als ich vor Euch trat und Euch erstmals sah, war mein Herz so am Zittern, dass es Euch verblieb, als ich mich hinweg bewegte. Danach wurde es ohne Freikauf[möglichkeit] in den süßen Kerker in Gefangenschaft geführt, [einen Kerker] dessen Pfeiler aus "Lust/Begehren" bestehen, dessen Türen aus "Schönem Sehen" und dessen Ringe [zum Anketten] aus "Guter Hoffnung" sind.
De la chartre a la clef Amors
et si i a mis trois portiers :
Biau Semblant a nom il premiers,
et Biautez cele en fet seignors ;
Dangier a mis a l'uis devant,
un ort, felon, vilain, puant,
qui moult est maus et pautonniers.
Cil troi sont et viste et hardi :
Mult ont tost un homme saisi.
Von dem Kerker hat den Schlüssel die Liebe, und die hat dort drei Pförtner aufgestellt: "Gutes Aussehen" heißt der erste, und "Schönheit" hat sie (cele; Amors ist damals häufig Femininum!) zu ihrem Chef gemacht, und "Dangier" (der alles den Liebenden Feindliche verkörpert) hat sie an die Vordertür gestellt, einen schrecklichen, niederträchtigen, grobschlächtigen, stinkenden [Kerl], der sehr böse und rüpelhaft ist. Diese drei sind fix und verwegen: sehr bald haben sie einen gefasst.
Qui porroit sousfrir les tristors
et les assauz de ces huissiers ?
Onques Rollanz ne Oliviers
Ne vainquirent si grans estors ;
il vainquirent en conbatant,
mais ceus vaint on s'humiliant.
Sousfrirs en est gonfanoniers.
En cest estor dont je vous di
n'a nul secors fors de Merci.
Wer könnte die Trübseligkeiten und die Attacken dieser Türhüter ertragen? Niemals haben Roland und Olivier einen so großen Ansturm besiegt. [Und wenn, dann] siegten sie kämpfend, aber diese da besiegt man [höchstens], indem man sich demütigt. "Leiden" ist dabei der Bannerträger; in diesem Ansturm, von dem ich euch spreche, gibt es keine Hilfeleistung außer von "Gnade/Erbarmen".
Dame, je ne doute mais riens plus
que tant que faille a vous amer.
Tant ai apris a endurer
Que je sui vostres tout par us.
Et se il vous en pesoit bien,
ne m'en puis je partir pour rien
que je n'aie le remenbrer
et que mes cuers ne soit adés
en la prison et de moi pres.
Dame, ich fürchte niemals etwas mehr als soviel, dass ich es fehlen lassen könnte am Euch lieben. So sehr habe ich auszuhalten gelernt, dass ich Euer bin, ganz aus Gewohnheit. Und [auch] wenn es Euch sehr lästig wäre, könnte ich mich um nichts davon loslösen, ohne dass ich nicht die Erinnerung daran hätte und mein Herz nicht gleich in der Gefangenschaft wäre und von mir weggenommen.
Dame, quant je ne sai guiler,
merciz seroit de seson mes
de soustenir si greveus fais.
Dame, wenn ich doch nicht zu lügen verstehe, wäre Gnade/Erbarmen zur rechten Zeit angebracht, um eine so große Bürde aushalten [zu können].

nach: Prof. Gert Pinkernell,
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