Literatur des 20. Jahrhunderts

Der Naturalismus behielt bis zum 1. Weltkrieg die Vormachtstellung in der französischen Literatur, obwohl bereits Ende des 19. Jahrhunderts neue Kunstströmungen aufkamen, die der modernen komplexen Welt differenzierter gegenüberstanden und eine neue Generation von Schriftstellern (Anatole France, Pierre Loti, Maurice Barrès) hervorbrachte, die in der Übergangszeit zwischen Naturalismus und neuer Ästhetik des 20. Jahrhunderts die literarische Landschaft bestimmten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beeinflusste die Philosophie von Bergson stark die französische Literatur, vor allem die Prosa. Ihren Einfluss spürt man vor allem in den Werken von André Gide, Marcel Proust, Georges Duhamel und Romain Rolland.

Die Dreyfus-Affäre spaltete ganz Frankreich in zwei Lager und bewirkte indirekt eine neue Definition der Rolle der Schriftsteller, die nun auch politischen Einfluss nahmen und ihre Möglichkeiten für das Bewirken sozialer Veränderungen entdeckten. Nach der Dreyfus-Affäre gab es in Frankreich kein politisches Ereignis, das ohne Reaktion seitens der Schriftsteller blieb. Zum Beispiel wurden die Werke von Henri Barbusse, Romain Rolland und Roland Dorgelès nicht als bloße Schilderungen der Ereignisse des 1. Weltkrieges, sondern als antimilitaristische Proteste verstanden. Auch der berühmteste Dichter des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts Guillaume Apollinaire wurde von den Ereignissen des Krieges geprägt. Mit seinem Werk übte er bedeutenden Einfluss auf die erste Nachkriegsgeneration aus. Selbst der Name des Surrealismus wurde seinem Drama Les Mamelles de Tirésias - Drame surréaliste entnommen. Seine Gedichtsammlungen dienten als Vorbilder für französische Dadaisten und Surrealisten.

Die dadaistischen (Tristan Tzara) und später surrealistischen (Louis Aragon, André Breton, Paul Éluard, Philippe Soupault) Autoren bedienten sich der Erkenntnisse der Psychoanalyse, um zu tieferen Bewusstseinsebenen zu gelangen, aus denen sie ihre Inspiration schöpften. Auch das Theater konnte sich dem Einfluss des Surrealismus nicht entziehen, das nicht selten ins Absurde mündete, wie bei Alfred Jarry, Antonin Artaud und Roger Vitrac.

Die Prosa der Zwischenkriegszeit war geprägt durch die tiefen gesellschaftlichen und geistigen Veränderungen. Die Auseinandersetzung mit dem Wandel der bürgerlichen Werte fand vor allem im Roman statt. Wenn Martin du Gard und Duhamel ihren Schwerpunkt auf soziale Probleme setzten, dominierten bei Romains, Radiguet und Colette psychologische Aspekte und bei den Schriftstellern der Renouveau catolique (Claudel, Mauriac, Bernanos u.a.) die Vermittlung katholischer Grundsätze. Auch das Werk von Antoine de Saint-Exupéry ist religiös geprägt, jedoch mit eindeutig humanistischen Tendenzen. Aber auch rechtsextreme und antisemitische Ideen gelangten mit Céline in die Literatur, die den kommunistisch orientierten Schriftstellern, wie z.B. Barbusse und Aragon, gegenüberstanden.

Während des zweiten Weltkrieges, obwohl einige Schriftsteller (Malraux, Camus, Aragon u.a.) aktiv an der Resistance teilnahmen, wurde das künstlerische Schaffen nicht unterbrochen. In dieser Zeit erschienen z.B. Le Silence de la mer von Vercors, Pilote de guerre von Antoine de Saint-Exupéry, L’Etranger von Camus, Les Mouches von Sartre und sein wichtigstes philosophisches Werk L'Etre et le Néant, das die Schriftsteller und Intellektuellen der Nachkriegsgeneration prägte. Zu den bedeutendsten Vertretern des Existentialismus von Sartre in der Literatur zählen seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir, Albert Camus und Gabriel Marcel. Unter dem Einfluss des Essays Le Mythe de Sisyphe von Camus drangen die Ideen der absurden Existenz in die Literatur. Neben L’Etranger und La Peste von Camus waren auch die Prosawerke von Jean Genet, Boris Vian und Jean Douassot und die Theaterstücke von Ionesco, Adamov und Beckett dem Thema der absurden Existenz gewidmet.

Die Vertreter des Nouveau Roman (Nathalie Sarraute, Alain Robbe-Grillet, Michel Butor, Claude Simon u.a.) entwickelten konsequent diese Idee weiter und „befreiten“ ihre Werke nicht nur von der Logik, sondern auch von der Handlung, handelnden Personen, Raum- und Zeitverständnis... Eine experimentelle Herangehensweise an die Literatur betrieben auch die Vertreter des Oulipo, indem sie durch formale Beschränkungen das literarische Schaffen erweiterten. Exemplarisch für diese Richtung ist La Disparition von Georges Perec, in welchem er auf den Buchstaben e verzichtet oder Exercices de style von Queneau, der eine banale Situation auf 99 unterschiedliche Arten erzählt.

Außer der Begeisterung zahlreicher Autoren für die avantgardistischen Strömungen, entwickelten sich auch die traditionellen Formen der Prosa. Zu nennen sind die autobiographisch inspirierten Familiendramen von Hervé Bazin, die psychologisierenden Romane von Françoise Sagan, die historischen Abenteuer von Maurice Druon, die Krimis von Frédéric Dard...

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts beobachtet man eine starke Individualisierung in der Literatur. Die Zeit der gemeinsamen Manifeste und literarischen Vereinigungen ist zumindest vorübergehend vorbei. Die Schriftsteller von heute (Le Clézio, Tournier, Modiano) sind eher Einzelkämpfer, die in ihren Werken zu einem individuellen Stil tendieren. Sie lassen sich deshalb schwer zu der einen oder anderen literarischen Richtung klassifizieren.

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