Villon, François

(1431 - ca. 1463)

Der eigentliche Nachname (Montcorbier? Monterbier? Des Loges?) dieses wohl jedem Franzosen bekannten Dichters steht nicht fest.

Laut eigener Aussage in kleinsten Verhältnissen in Paris geboren, muss François, vielleicht nach dem frühen Tod seines Vaters, in die Obhut des Pariser Stiftsherrn und Kirchenrechtsdozenten Guillaume de Villon gelangt sein, dessen Namen er spätestens ab 1455 benutzt und den er 1461 halb ironisch, halb liebevoll als seinen "plus que père" (mehr als ein Vater) bezeichnen wird. Offenbar dank der Fürsorge Guillaumes erhält er eine gute Bildung und bringt es bis zum Magister an der propädeutische Studien vermittelnden Artistenfakultät.

Statt jedoch sein anschließend begonnenes Fachstudium, wohl der Theologie, zu Ende zu führen, gleitet er, vermutlich während des langen Vorlesungsstreiks der Pariser Professoren 1453/54, ab ins Kriminellenmilieu. Nach einer Messerstecherei mit tödlichem Ausgang für seinen Gegner (Juni 1455) verlässt er Paris, kann aber Anfang 56 dank (erhaltener) königlicher Freibriefe zurückkehren.

Ende 1456 beteiligt er sich an einem (in erhaltenen Dokumenten beschriebenen) Einbruch mit stattlicher Beute und verlässt von neuem die Stadt, nicht ohne den Kumpanen sein erstes längeres Werk, Le Lais (auch Petit Testament genannt) zu hinterlassen.

Ende 1457 sitzt er offenbar zum Tode verurteilt in einem Kerker von Herzog Charles d'Orléans, wird aber von ihm amnestiert und sogar für kurze Zeit - schließlich ist Charles selber großer Lyriker - an seinen Hof in Blois aufgenommen, wo er einige Gedichte verfasst, ehe er offenbar in Ungnade fällt und gehen muss.

1458-60 führt er wohl ein unstetes Wander- und Gaunerleben, 1461 finden wir ihn wieder im Kerker, diesmal dem des Bischofs von Orléans in Meung-sur-Loire, aus dem ihn Anfang Oktober ein Gnadenakt des durchreisenden Königs Ludwig XI. befreit.

Zurück in Paris oder Umgebung, versucht er sich zu resozialisieren, scheitert aber und schreibt sein Hauptwerk, Le Testament.

Im November 1462 finden wir ihn (laut erhaltenem Dokument) wegen Diebstahls im Pariser Stadtgefängnis. Kurz nach seiner Freilassung ziehen ihn Kumpane in eine (in einem erhaltenen Dokument beschriebene) Schlägerei, in der ein päpstlicher Notar einen Messerstich abkriegt. Villon wird erneut eingekerkert und sogar zum Tode verurteilt, aber Anfang 1463 dank eingelegter Berufung zu zehn Jahren Verbannung begnadigt, wonach sich seine Spur verliert.
 
Sein erhaltenes OEuvre ist schmal. Es umfasst:
1) das Ende 1456/Anfang 57 vor seinem Fortgehen aus Paris für das Gaunermilieu geschriebene spöttisch-parodistische Vermächtnis Le Lais (320 Verse)
2) das im Herbst 1461 in oder bei Paris wohl für potentielle Gönner begonnene, dann aber ebenfalls vor allem fürs Milieu verfasste, halb elegische, halb satirische, zahlreiche eingestreute Balladen enthaltende Pseudotestament Le Testament (2023 Verse)
3) sechzehn zwischen 1455 und 1463 entstandene Gedichte (meist Balladen), von denen einige an Herzog Charles d'Orléans gerichtet sind und z.T. an dessen Hof in Blois verfasst wurden
4) elf schwer verständliche Balladen im Gaunerjargon, die Villon wohl 1462 für das Pariser Gaunermilieu, und speziell die Maffia der "Muschelbrüder", gedichtet hat.

Vor allem das Testament (das ab 1489 zusammen mit dem Lais und anderen Texten auch im Druck verbreitet ist) war ein beachtlicher Bucherfolg im Paris des späten 15. Jh., zweifellos aufgrund Villons witziger und bissiger Hiebe auf viele, namentlich von ihm genannte Pariser Honoratioren, die mit satirischen Legaten bedacht werden, welche ihre tatsächlichen und angeblichen Schwächen und Laster aufdecken.

Formal sind Villons Texte eher schlicht und konventionell, ihre Kunst liegt in der ungewöhnlichen Prägnanz, Lebendigkeit und Ausdruckskraft der Sprache. Da sie fast allesamt prekäre Momente oder Krisenphasen einer bewegten Existenz verarbeiten und den Eindruck einer starken persönlichen Betroffenheit des Autors vermitteln, sprechen sie auch heutige Leser noch an. Villon wird deshalb oft als erster moderner Lyriker betrachtet.

Dank einiger Plagiate Bert Brechts aus der ersten deutschen Villon-Übertragung K. L. Ammers von 1907 und vor allem aufgrund der sehr freien, aber farbigen Villon-Nachdichtungen des expressionistischen Lyrikers Paul Zech (1931 und 1962) ist sein Name heute auch im deutschen Sprachraum gut bekannt.
 
nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur
 
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