Sarraute, Nathalie

Geburtsdatum: 18. Juli 1900
Geburtsort: Iwanowo
Sterbedatum: 19. Oktober 1999
Sterbeort: Paris
 
Sie ist heute einer der bekanntesten Repräsentanten der Gruppe der "nouveaux romanciers". Geboren (oft findet man als Datum fälschlich 1902) als Natascha Tscherniak unweit Moskau, lebt sie nach der baldigen Trennung ihrer Eltern zunächst bei ihrer etwas extravaganten und sehr bestimmenden, ebenfalls schriftstellernden Mutter und deren neuem Partner, einem freischaffenden Historiker, und zwar ab 1902 in Paris, wo sie zur École maternelle geht und somit früh Französisch lernt. Jeweils einen Monat im Jahr verbringt sie bei ihrem Vater, einem jüdischen (persönlich aber eher irreligiösen) Chemiker und Farbfabrikanten, in Iwanowo oder der Schweiz. 1906-1909 lebt sie mit Mutter und Stiefvater in Sankt Petersburg.

Während dieser Zeit (1907) verlässt ihr Vater Russland aus politischen Gründen und geht nach Frankreich, wo er bei Paris eine kleinere Fabrik aufmacht und sich mit einer deutlich jüngeren Frau wiederverheiratet. Anfang 1909 wird die achteinhalbjährige Nathalie zum Vater geschickt, weil Mutter und Stiefvater einen längeren Ungarn-Aufenthalt planen. Statt anschließend nach Russland zurückzukehren, bleibt sie jedoch in Paris. Hier verbringt sie nun ihre weitere Schulzeit (am Lycée Fénelon) und mehr oder weniger auch den Rest ihres Lebens.

Offenbar ähnlich einschneidend und traumatisierend für sie wie die frühe Trennung der Eltern und die nachfolgende Entwurzelung ist die Wiederverheiratung ihres sehr liebevollen Vaters mit einer auf sie eifersüchtigen Frau, zu der und deren Kind, ihrer Halbschwester, sie kein Verhältnis findet. Schon als kleines Mädchen erfährt sie so die Schwierigkeiten eines Individuums zwischen wechselnden und dazu divergierenden Bezugspersonen, was ihren Sinn für alles Psychologische zweifellos ebenso schärft wie das Aufwachsen in zwei Sprachen und Kulturen.

Nach dem "bac" studiert sie zunächst englische Literatur in Paris (Licence 1920), und danach Geschichte und Soziologie ohne Abschluss in Oxford (1920/1921) und, denn passabel Deutsch kann sie auch, in Berlin (1921/1922). Schließlich hängt sie noch ein Jurastudium in Paris an. Hierbei lernt sie Raymond Sarraute kennen, den sie, nachdem er sich als Anwalt niedergelassen hat, heiratet (1925) und mit dem sie drei Töchter haben wird. Beruflich scheint sie eher zu experimentieren: so arbeitet sie kurz bei einem Anwalt und Vermögensverwalter (Avoué), erhält auch die Zulassung als Anwältin und vertritt ein paar Mandanten, schreibt sich daneben aber für ein Promotionsstudium ein.

Spätestens ab 1932 ist ihr eigentlicher Ehrgeiz jedoch die Literatur. Zunächst mehr nebenher verfasst sie 19 kürzere Texte, in denen sie sogleich die sie auszeichnende Kunst der Wahrnehmung und Darstellung feinster psychischer Regungen beweist und die sie 1939, nach langwieriger Suche eines Verlags, unter dem Titel Tropismes publiziert. Der ausbrechende Krieg lässt das kleine Buch aber unbemerkt bleiben.

Der deutsche Einmarsch 1940 und der sich bald anschließende Zwang für die "Halbjüdin", untergetaucht (z.T. in kleinen Orten nahe Paris) und mit falschem Namen zu leben, verhindert fürs erste weitere Publikationen. Schreiben jedoch tut sie: Ab 1941 entsteht der Roman Portrait d'un inconnu, der aber, als er 1948 nach wiederum langwieriger Verlagssuche schließlich bei Gallimard erscheint, trotz eines lobenden Vorwortes von Sartre nur bei Insidern Beachtung findet. Ähnlich ergeht es einem weiteren Roman, Martereau (1953).

Etwas bekannter wird sie 1956 mit dem Sammelband L'Ère du soupçon, der vier, teils schon etwas ältere, literaturtheoretische Essays vereint und so etwas wie ein Manifest der sich um 1955 bildenden Schule des "nouveau roman" wird. Entsprechend fällt Sarrautes nächster Roman, Planétarium (1959), bei jenem Teil des Publikums, der die "nouveaux romans" goutiert, auf fruchtbaren Boden, und der Roman Les fruits d'or (1963) wird sogar mit dem Prix international de littérature ausgezeichnet.

Hiermit ist ihr Durchbruch geschafft; zunehmend wird sie zu Vortragsreisen, auch ins Ausland, eingeladen. Ab 1963 versucht sich Sarraute auch als Theaterautorin: Le Silence (1963, zunächst in deutscher Übersetzung als Hörspiel gesendet, 1964 gedruckt, 1967 in Paris aufgeführt); Le Mensonge (1965); Isma (1970); C'est beau und Le Gant retourné (1975); Pour un oui, pour un non (1982). Ihre insgesamt sechs Stücke kommen zwar alle zur Aufführung, mehren letztlich ihren Ruhm aber kaum.

Ihre Domäne bleibt, neben einigen weiteren Essays, die Gattung Roman: Entre la vie et la mort (1968), Vous les entendez ? (1972), Disent les imbéciles (1976), L'Usage de la parole (1980), Tu ne t'aimes pas (1989), Ici (1995). Spätestens ab 1970 ist sie anerkannt als eine der zentralen Figuren der franz. Literatur der Nachkriegsjahrzehnte; Werke von ihr werden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Leichte Kost allerdings sind ihre ohne zielstrebige Handlung und weitgehend auch ohne markante Personen konzipierten, ganz auf psychische Phänomene konzentrierten Romane nicht und es fragt sich, wie viele Leser jeweils bis zum Ende durchzuhalten schaffen.

Sehr gut lesbar dagegen, sehr ansprechend und interessant ist das autobiografische Büchlein L'Enfance (1983), eine mehr impressionistische denn chronologisch-systematische Darstellung der Kindheit Sarrautes, die nicht ohne Grund auch verfilmt worden ist.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur
 
Unsere Buchempfehlung: Tropismen

 

Tickets

Hotels in Frankreich

Anzeige