Saint-Simon

eigentlich Louis de Rouvroy, duc de Saint-Simon
 
Geburtsdatum: 16. Januar 1675
Geburtsort: Versailles
Sterbedatum: 2. März 1755
Sterbeort: Paris
 
Saint-Simon (wie er in der Literaturgeschichte heißt) gilt als ein, wenn nicht sogar der Klassiker unter den franz. Memoirenautoren.

Er ist einziger Sohn eines schon alten, reich begüterten, von Ludwig XIII. in den Herzogsstand erhobenen Adeligen. Seine Taufpaten sind Ludwig XIV. und die Königin. Er wächst auf in Paris und Versailles und hat als Spielkameraden die "enfants de France", d.h. die Kinder der königlichen Familie, insbes. den späteren Regenten Philippe d'Orléans. Er erhält eine vorzügliche Bildung; unter anderem lernt er, was damals selten ist, deutsch sprechen und schreiben.

Mit 16 wird er dem König vorgestellt und beginnt er seine Ausbildung als Offizier. 17jährig erhält er die Feuertaufe im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1686-97), in dem es erstmals einer Allianz europäischer Staaten gelang, den agressiven Imperialismus von Ludwig XIV. zu bremsen. Mit 18 erbt Saint-Simon beim Tod seines Vaters den Herzogstitel und kommt am Hof in Kontakt mit latent oppositionellen Adelskreisen, wo man von Reformen des Absolutismus träumt.

19-jährig liest er in einem Feldlager in der Pfalz einen Memoirenband und hat die Idee, auch selbst so etwas zu schreiben. Er beginnt in der Tat mit dem Aufzeichnen von Überlegungen und Beobachtungen, wird aber jahrzehntelang über Fragmente nicht hinauskommen. 20jährig lässt er sich mit einer 17jährigen Hocharistokratin verheiraten, in die er sich anschließend verliebt. Mit 22 hat er eine religiöse Krise und steht hinfort dem strenggläubigen Jansenismus nahe. 1702 - inzwischen hat Ludwig XIV. den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-13) begonnen - quittiert Saint-Simon den Offiziersdienst, weil eine erhoffte Beförderung ausgeblieben ist.

Hiernach lebt er überwiegend als hochrangiger Höfling in Versailles, allerdings in wachsender innerer Distanz zu dem alternden, despotischer werdenden König. Denn er ist nicht nur Jansenist, sondern sympathisiert auch mit den Reformern, die sich in der Hoffnung auf den baldigen Tod des Königs um den Dauphin (Thronfolger) scharen. Als dieser 1711 plötzlich stirbt und 1712 auch ebenso plötzlich sein Sohn, der neue Hoffnungsträger, schwankt Saint-Simon enttäuscht zwischen Rückzug ins Private und Flucht nach vorn.

Im Sinne der letzteren schreibt er z.B. anonym einen fulminanten (seinem Adressaten aber sicher unbekannt bleibenden) offenen Brief an den alten König, in dem er diesem nichts weniger vorwirft, als Frankreich und die Monarchie mit seinen Kriegen und seinem Despotismus ruiniert zu haben. Etwas später stellt er in der Schrift Projets de gouvernement (1714) Überlegungen an für eine von Ministerräten statt Ministern geleitete Regierung und versucht als Drahtzieher für seinen Jugendfreund Philippe d'Orléans zu wirken, damit dieser nach Louis' Tod Regent für dessen noch unmündigen Urenkel Ludwig XV. werden kann.

Nach dem schließlichen Ableben des 77jährigen Ludwig XIV. (1715) und der Einsetzung Philippes als Regent kann Saint-Simon endlich eine aktive politische Rolle spielen als einflussreiches Mitglied des nach seinen Ideen neu geschaffenen Kronrats. Allerdings wird er dort von geschickteren Leuten langsam an den Rand gedrängt und beim plötzlichen Tod des Regenten 1723 praktisch ausgebootet.
Er zieht sich nun vom Hof zurück und überlegt eine Weile, ob er weiter politisch aktiv zu sein versuchen oder sich eher schreibend, insbesondere als Historiker, betätigen soll. 1729 bekommt er das Tagebuch geliehen, das ein Versailler Höfling, der Marquis de Dangeau, von 1684 bis 1720 geführt hat, und er beginnt es aus seiner Sicht zu kommentieren. Daneben schreibt er eine ganze Reihe historischer Abhandlungen über sehr spezielle Themen, z.B. die Einheiraten legitimierter außerehelicher Töchter von franz. Königen in franz. Adelsfamilien.

Erst 1739, mit 64 und im geistigen Ambiente der sich durchsetzenden Aufklärung, kehrt Saint-Simon zu seiner Idee von 1694 zurück und beginnt sein bedeutendstes, heute allein noch bekanntes Werk, die Mémoires. Diese decken die Zeit von 1691 bis 1723 ab, d.h. vom Beginn bis zum Ende der Höflingskarriere Saint-Simons in Versailles. Das umfangreiche Werk enthält nicht nur die persönlichen Erinnerungen des Autors, sondern auch viele quasi neutrale Materialien und Informationen. Es wird erst gegen 1750, nach zehn Jahren Arbeit, abgeschlossen sein und sogar erst 1829/30 veröffentlicht werden. Hiernach erlangte es rasch Anerkennung als ein Meisterwerk der Gattung Memoiren und fand beachtliche Verbreitung, nicht zuletzt bei zahlreichen Schriftstellern von Stendhal bis zu Proust.

Für Historiker sind Saint-Simons Mémoires darüberhinaus eine wichtige Quelle über das Alltagsleben und über die Machtkämpfe in Versailles unter dem späten Ludwig XIV. und dem frühen Ludwig XV.
 
nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur

Tags: 

Terminkalender

S M D M D F S
 
 
 
1
 
2
 
3
 
4
 
5
 
6
 
7
 
8
 
9
 
10
 
11
 
12
 
13
 
14
 
15
 
16
 
17
 
18
 
19
 
20
 
21
 
22
 
23
 
24
 
25
 
26
 
27
 
28
 
29
 
30
 
 
 

Ferienhäuser

Hotels in Frankreich