Rabelais, François

Geburtsdatum: um 1494
Geburtsort: Seuilly
Sterbedatum: 9. April 1553
Sterbeort: Paris
 
Sein wohl fast jedem Franzosen bekannter Name, der sich sogar als Adjektiv in Ausdrücken wie "une plaisanterie rabelaisienne" verselbständigt hat, ist verknüpft vor allem mit Gargantua et Pantagruel, einem äußerst locker komponierten Romanzyklus, dessen 5 Bände 1532, 1534, 1545, 1552 und 1564 erschienen, wobei der letzte nicht nur postum herauskam, sondern z.T. vielleicht auch apokryph, d.h. nicht mehr authentisch ist. Alle Bände, vor allem aber I und II, waren jeweils sehr erfolgreich; die Protagonisten, d.h. der junge Riese Pantagruel und sein Vater Gargantua, sind noch heute ein Begriff, und sei es nur dank der Adjektive pantagruélique (avoir un appétit pantagruélique) und gargantuesque (un repas gargantuesque). Der zuerst verfasste Pantagruel, für den Rabelais zunächst übrigens keinerlei Fortsetzung plante, trägt den Titel: Les horribles et épouvantables faits et prouesses du très renommé Pantagruel, Roi des Dipsodes, fils du grand géant Gargantua. Composés nouvellement par maître Alcofrybas Nasier (= Anagramm aus f-r-a-n-c-o-y-s-r-a-b-e-l-a-i-s). Das Werk war also sogleich als unter einem witzigen Pseudonym veröffentlichte Parodie des Genus Ritterroman und damit als humoristisch erkennbar. Nach dem Erfolg schob Rabelais rasch, unter dem selben Pseudonym und in ähnlicher Machart, den Gargantua nach mit dem Titel La Vie très horrifique du grand Gargantua, père de Pantagruel. (Die erheblich später gedruckten weiteren Bände werden unter seinem richtigen Namen erscheinen und als Le tiers livre, Le quart livre, und Le cinquième livre nüchternere Titel haben, allerdings auch kaum mehr in der Tradition der Ritterroman-Parodien stehen.)
 
Das Erfolgsrezept von Rabelais beruht auf seiner unnachahmlichen Kunst der Mischung: auf der Stilebene mengt er Ernst und Scherz, spielerische Ironie und bissigen Sarkasmus, derben Witz und hypergelehrte Pedanterie, lustige Wortspielereien und komisch verwendete echte und fiktive Zitate; auf der Strukturebene kombiniert er geschickt meist knappe, immer wieder die Grenzen zum Phantastischen und Grotesken überschreitende Handlungssequenzen und meist längere Erzähler- und Figurenreden, deren letztlich satirische Intentionen kaum zu übersehen sind, auch wenn sie sich oft verstecken, z.B. hinter einer scheinbaren Naivität. Rabelais wurde denn auch jeweils nach dem Erscheinen der Bände von der Sorbonne attackiert, wo man hinter dem Humoristen und Fabulisten sehr wohl den kritisch-selbständigen Geist und Anhänger eines unorthodoxen, überkonfessionellen "Evangelismus" erkannte. Der Zyklus insgesamt scheint in seiner Motivation erklärbar als Ausdruck einer Spottlust, die sich je länger, je mehr aus der Verbitterung des Autors über bestimmte Verhältnisse speist. Von den Lesern wurde er vermutlich als erheiterndes Evasionsangebot genutzt in einer Zeit, wo es wenig zu lachen gab angesichts einer Realität, die beherrscht war von einer bis in die Familien hineinreichenden religiösen Polarisierung, zunehmender Intoleranz der konfessionellen Parteien und ihrer Propagandisten und einer brutaler werdenden Unterdrückung der Protestanten durch den sich ab 1534 auf die katholische Seite schlagenden Staat.
 
Die Lebensgeschichte des aus der Touraine stammenden Anwaltsohns Rabelais ist in Vielem typisch für die Intellektuellen seine Generation: Zunächst Franziskanermönch, nutzt er alle sich ihm bietenden Möglichkeiten zu humanistischen Studien und gelehrten Kontakten und wird, wie so viele gebildete Zeitgenossen, in den 1520-er Jahren von den lutherischen Reformideen erfasst. Als er Schwierigkeiten mit seinen Oberen bekommt, weil er Griechisch lernt (was 1523 von der Sorbonne als Vorstufe zur Ketzerei gebrandmarkt worden war), wechselt er dank der Protektion des Bischofs von Poitiers zu den Benediktinern, ist einige Jahre lang de facto aber dessen Sekretär. Er schafft es dann irgendwie, Weltgeistlicher zu werden, als der er freier ist, seine Kontakte zu pflegen und seine Studien fortzusetzen, u.a. in Paris (wo er mit einer Witwe zwei uneheliche Kinder hat). Da er sich nicht zwischen Orthodoxie und Reform bzw. den sich rasch konstituierenden religiösen Parteien entscheiden mag, suspendiert er sich 1530 von seinem geistlichen Status und studiert in zwei Jahren (so schnell ging das damals!) Medizin in Montpellier. Hiervon lässt er sich aber nicht absorbieren, sondern verfasst, neben einigen gelehrten Schriften, den Pantagruel, der Ende 1532 erscheint. Druckort ist das damals geistig äußerst lebendige Lyon, wo Rabelais sich auch als Arzt niederlässt und daneben eine Anstellung am Hôtel Dieu (Krankenhaus) erhält, was alles ihm offensichtlich aber Zeit genug lässt, den Gargantua zu schreiben und 1534 drucken zu lassen. Den wohl nur mäßig geliebten und auch nicht regelmäßig ausgeübten Krankenhausposten gibt er 1535 auf, nachdem er einen mächtigen und reichen Gönner, den Pariser Bischof und Mitglied des Kronrates Jean Du Bellay, gewonnen hat, den er schon 1534 als Sekretär und Leibarzt auf einer diplomatischen Reise nach Rom begleitet hatte und unter dessen Protektion er fortan bleibt. So reist er 1535/36 erneut mit dem soeben zum Erzbischof beförderten Du Bellay nach Rom, wo er nebenher die Erlaubnis des Papstes erhält, zumindest pro forma in den Benediktinerorden zurückzukehren, sich eine hübsche Kanonikus-Pfründe zuweisen zu lassen und zugleich als Arzt tätig zu sein. 1537 erwirbt Rabelais in Montpellier den medizinischen Doktortitel und hält anschließend Vorlesungen über die Schriften des Hippokrates, wobei er revolutionärerweise das griechische Original zugrunde legt und die gängige lateinische Version als fehlerhaft kritisiert. 1538 finden wir ihn in Aigues-Mortes mit Du Bellay, der an einem Treffen zwischen Franz I. und Kaiser Karl V teilnimmt. 1540 wird er von seinem Gönner an dessen offenbar kränkelnden älteren Bruder Guillaume weiterreicht, den stellvertretenden Statthalter Frankreichs im besetzten Piemont. 1542 reagiert Rabelais auf die Vorwürfe, der Pantagruel und der Gargantua seien obszön und theologisch bedenklich, und publiziert in Lyon eine gereinigte Fassung beider Bände, die aber trotzdem von der Sorbonne verurteilt wird. Als er 1545, nach Erscheinen des Tiers livre, erneut in deren Schusslinie gerät, verlässt er für eine Weile Frankreich und verdingt sich als Arzt in der damaligen freien Reichsstadt Metz. 1547-49 ist er einmal mehr mit Jean Du Bellay (der inzwischen Kardinal und oberster franz. Diplomat in Italien geworden ist) in Rom, wo er am Quart livre arbeitet, das 1550 druckfertig ist. In den letzten Lebensjahren (über die wenig bekannt ist) kann er sich zwar noch am andauernden Erfolg seines Romanzyklus freuen, doch muss er erleben, wie er nicht nur als theologisch und konfessionell suspekt, sondern, wegen seiner freimütigen Darstellung aller menschlichen Lebensäußerungen, zunehmend auch als unmoralisch eingestuft wird, und zwar sowohl von den prüder werdenden katholischen Theologen, als vor allem auch von dem moralinsauren Reformator Calvin.

Heute gilt Rabelais (obwohl er aufgrund seiner archaisch gewordenen Sprache und seiner nur noch schwer verständlichen Wortspiele und Anspielungen wenig gelesen wird) als der größte franz. Autor des 16. Jh., einer der Großen der franz. Literatur überhaupt und speziell als Galionsfigur des moralisch nicht immer korrekten, dafür aber volkstümlich-heiteren esprit gaulois oder eben rabelaisien.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur
 
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