Deschamps, Eustache

(auch Eustache Morel genannt, ca. 1345-1404)

Er ist der bedeutendste franz. Lyriker der zweiten Hälfte des 14. Jh. und war vielleicht ein Neffe von Guillaume de Machaut, jedenfalls aber eine Zeitlang sein Zögling an der Domschule von Reims.

Nach Jurastudien an der Universität Orléans erlangt Deschamps dank seiner Talente als Dichter und als Unterhalter 1368 die Protektion von König Charles V und nach dessen Tod (1380) die von Charles VI sowie vor allem von dessen kunstliebendem und ehrgeizigem jüngeren Bruder Herzog Louis d'Orléans, dem er ab 1390 zu Diensten ist. Von seinen Gönnern erhält er mehrere kleinere königliche Ämter zugewiesen, von denen er samt seinen Kindern (seine Frau ist 1376 jung nach der Geburt des dritten gestorben) passabel leben kann, obwohl er häufig klagt. 1389 wird er zum seigneur de Barbonval erhoben und somit geadelt. Er hält sich meist in Paris am Hof auf, ist aber auch viel mit seinen Fürsten und für sie unterwegs. So ist er 1384/85 Mitglied einer diplomatischen Mission nach Ungarn und Kroatien, 1397 reist er als Botschafter von Louis d'Orléans nach Mähren. Um 1400 zieht er sich mehr und mehr zurück, gesundheitlich angeschlagen und unzufrieden mit dem Machtgerangel am Hof, wo verschiedene Klüngel, nicht zuletzt der von Louis, den intermittierend geistesgestörten König zu manipulieren versuchen.

Deschamps ist mit etwa 1500 erhaltenen Gedichten in allen damals gängigen Genera, darunter vor allem gut 1100 Balladen und an die 200 Rondeaus über vielerlei Sujets, einer der produktivsten und thematisch, formal und stilistisch innovativsten Lyriker des franz. Mittelalters. Sein Einfluss auf die Autoren neben ihm (z.B. auch auf Geoffrey Chaucer) und nach ihm ist groß und reicht bis weit ins 15. Jh. hinein, z.B. bis zu Villon.

Während seine dem Thema Liebe gewidmeten Gedichte meist eher konventionell bleiben, wirken seine moralisch-gesellschaftlichen Problemen, z.B. denen des Hoflebens, gewidmeten Texte (meist Balladen) sehr persönlich. Bei den Zeitgenossen hoch angesehen waren auch seine philosophischen, didaktischen und satirischen Balladen.

Ein zentrales Thema Deschamps' ist der Niedergang Frankreichs durch den nach Charles' V Tod wieder aufflammenden Hundertjährigen Krieg. In einer Ballade bejammert er z.B., wie (1380) auch sein eigener Landsitz nahe seinem Geburtsort Vertus von englischer Soldateska geplündert und abgebrannt wurde. In der Fragment gebliebenen allegorischen Versdichtung La Fiction du lion, wo er Frankreich als Löwen und England als Leoparden darstellt, beklagt er das Versagen der Nachfolger von Charles V. Ein anderes politisches Thema, nämlich das Große Schisma in der Katholischen Kirche, behandelt er in La Complainte de l'Eglise desolee (1393).

In seinen letzten Jahren arbeitete er an der unvollendet geblieben satirischen Versdichtung Le Miroir du mariage, wo er die Vor- und Nachteile (meist eher diese) der Ehe diskutiert.

Deschamps ist darüber hinaus interessant als Autor der ersten in franz. Sprache verfassten Poetik (Dichtungslehre), L'Art de dicter et de faire chansons (1392), einer Zusammenstellung von Regeln und Rezepten zum Verfassen metrisch gebundener Texte, wobei es ihm mehr auf die "musique naturelle" der Sprache als auf die "musique artificielle" der Melodie ankommt (denn er ist einer der ersten, die auf eine Vertonung und musikalische Begleitung ihrer lyrischen Texte weitgehend verzichten).
 
P.S.: Der mit vielen Pausen insgesamt von 1337 bis 1453 dauernde Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs spielte sich ausschließlich auf franz. Boden ab. Seine Schlachten gingen lange Zeit eher zugunsten der Engländer aus, weil deren Truppen zwar zahlenmäßig meistens unterlegen, aber technisch dank ihrer Bogenschützen und taktisch dank ihrer größeren Disziplin überlegen waren.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur

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