Chartier, Alain

Geburtsdatum: um 1385
Geburtsort: Bayeux
Sterbedatum: 1433
Sterbeort: Avignon

Er stammte aus einer bürgerlichen Familie in der normannischen Bischofstadt Bayeux und war von seiner Ausbildung her Jurist und Kleriker. Er stand fast sein ganzes Leben lang als Sekretär und Diplomat im Dienst von Charles VII, der ihn mit mehreren einträglichen Domherrenpfründen belohnte. Er starb auf einer diplomatischen Reise in Avignon (das 1309 bis 1377 Sitz der Päpste war).

In die Literaturgeschichte eingegangen ist Chartier vor allem Verfasser der der enorm erfolgreichen Verserzählung La belle dame sans merci (=die gnadenlose schöne Dame, 1424). Die 100 aus achtzeiligen Achtsilbern bestehenden Strophen (huitains) enthalten eine kleine Rahmenhandlung um einen mit dem Autor identisch vorgestellten Ich-Erzähler, in die ein langer, angeblich von ihm belauschter Dialog zwischen einem Liebenden und seiner Dame eingebettet ist. Offensichtlich gelang Chartier mit diesen beiden Figuren eine epochemachende Gestaltung des Typs der spröden, sich verweigernden Frau, sowie vor allem des schmachtenden Liebhabers, d.h. des abgewiesenen, sich aber nicht lösen könnenden und sich in seinem Unglück verzehrenden Liebenden, wobei dieser sich hier quasi naiv auf die Ideale und Regeln der höfischen Liebe beruft, während jene ihnen ironisch-distanziert gegenübersteht. Die Belle dame sans merci wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten unendlich oft von anderen Autoren zitiert, plagiiert, pastichiert und parodiert; noch um 1540 wurde sie z.B. von Marguerite de Navarre in ihren Erzählungen als bekannt vorausgesetzt.

Chartier war aber auch schon vor der Belle dame ein anerkannter Autor: 1416, unter dem Schock der Niederlage eines weit überlegenen franz. Ritterheeres gegen die diszipliniert kämpfenden englischen Bogenschützen bei Azincourt (1415), hatte er das Livre des quatre dames (=Buch der vier Damen) verfasst, eine Verserzählung, in der ein Ich-Erzähler von vier Damen berichtet, die ihn zu entscheiden bitten, wer die Unglücklichste von ihnen sei: diejenige, deren Freund in der Schlacht gefallen ist, oder die, deren Freund seitdem vermisst wird, oder die, deren Freund dort in Gefangenschaft geraten ist, oder schließlich die, deren Freund sich durch feige Flucht gerettet hat.

1422 schrieb Chartier das Quadrilogue invectif (=anprangerndes Viergespräch), ein Vierergespräch zwischen den allegorischen Figuren le Clergé (=der kath. Klerus), la Chevalerie (=der Adel), le Peuple (=das Volk) und Dame France, wobei "Frau Frankreich" die Uneinigkeit der Franzosen angesichts der wirren Verhältnisse in ihrem Land anprangert. Dieses nämlich hatte soeben beim Tod des geistesgestörten Charles VI (1422) zwei Könige bekommen: Im Norden und Westen herrschte von Paris aus der kleine Henry VI (der Sohn einer Tochter von Charles VI und des früh verstorbenen englischen Königs Henry V); über die Mitte und den Süden dagegen regierte von Bourges aus der Sohn von Charles VII.

Auf diese konfliktträchtige, dauernden Kleinkrieg bewirkende Situation reagierte Chartier auch mit dem Lai de Paix (=Friedensgedicht, 1426), worin er die franz. Fürsten zum Frieden und zur Einigung aufruft. 1429 machte er sich mit einer Lettre sur Jeanne (=Brief über J.) zur Fürsprecherin von Jeanne d'Arc, der Jungfrau von Orléans, die Charles VII soeben zu Hilfe gekommen war und ihm im selben Jahr mit Siegen über die Truppen von Henry VI die symbolisch wichtige Krönung in der Kathedrale von Reims ermöglichen sollte.

Chartier war aber auch als Lyriker bedeutend mit seinen zahlreichen Balladen, Rondeaus, Virelais usw.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur

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