Céline, Louis-Ferdinand

=Louis-Ferdinand Destouches

Geburtsdatum: 27. Mai 1894
Geburtsort: Asnières-sur-Seine
Sterbedatum: 2. Juli 1961
Sterbeort: Meudon

Er zwingt jeden, der sich ihm nähert, der ihn liest, in die Spannung "zwischen Bewunderung für den Stilisten, den Revolutionär der Literatur, und das Erschrecken über die blindwütige, menschenverachtende Hetze, deren er fähig ist. Diese Spannung wird immer Bestehen bleiben." Dies schreibt der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel (Reise ans Ende der Nacht, Rowohlt 2003 und Guignols Band II, Rowohlt 1997). Und der amerikanische Romancier Philip Roth: "Um die Wahrheit zu sagen: mein 'Proust' in Frankreich, das ist Céline! Er ist wirklich ein sehr großer Schriftsteller. Auch wenn sein Antisemitismus ihn zu einer widerwärtigen, unerträglichen Gestalt macht. Um ihn zu lesen, muss ich mein jüdisches Bewusstsein abschalten, aber das tue ich, denn der Antisemitismus ist nicht der Kern seiner Romane. (...) Céline ist ein großer Befreier."

Louis-Ferdinand Céline ist einer, der so gerne auf der richtigen Seite stehen, berühmt sein und gelten will. Mehr als Proust und Sartre. "Ich habe nie Joyce gelesen, Proust mag ich nicht, Hemingway kenne ich nicht." Céline lässt nur wenige Autoren gelten wie Lautréamont, Flaubert, Raymond Radiduet (Den Teufel im Leib) - und Ramuz. Er bewundert Freud, den benennt er 1923 als seinen literarischen Lehrmeister. Was auch eine Koketterie ist. Seine letzte Frau Lucette Destouches schreibt in ihren Erinnerungen: "An die Wände hatte er Zitate aus literarischen Werken geklebt, die er liebte, vor allem von Shakespeare, den er verehrte und über den er sagte, er würde alles, was er selbst bisher geschrieben hatte, dafür hergeben, wenn er nur einen einzigen seiner Verse verfassen könnte. Über seinem Schreibtisch hing, gleich einem Manifest, eine Erklärung Baudelaires."

Beeinflusst hat Louis-Ferdinand Céline die moderne Literatur nachhaltig: Sartre, Miller, Genet, Grass, Ginsberg, Selby. Einige Beispiele: Henry Miller schreibt "Ich verehre ihn, ich verdanke ihm viel, er lebt in mir, für immer." 1932 erklären Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir den Roman Voyage au bout de la nuit [Reise ans Ende der Nacht] zu ihrem Buch des Jahres. Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss und der Romancier und Philosoph Paul Nizan (gefallen im Mai 1940 bei Dünkirchen) bewundern Céline öffentlich. Nizan 1932: "Céline ist keiner der Unsrigen [d.h. kein Kommunist], und es ist unmöglich, seine tiefgehende Anarchie, seine Verachtung zu akzeptieren. Aber ich erkenne sein grauenhaftes Bild der Welt an: er reißt alle Masken und Verschleierungen herunter, schlägt alle illusionären Dekors zusammen." - Trotzkij spricht von einer "Revolution des Romans", Gorki lobt diesen Roman, und bei Stalin soll er auf dem Nachttisch gelegen haben. Proust sagt, dass der Künstler seine Kunst aus einem anderen Ich schöpft als sein Alltagsverhalten. Kann sein. Célines Aggressivität hat ihn beim Schreiben weit gebracht und weit getragen. Diese Wut auf die Menschen, die borniert sind, und schlimmer noch: sie wollen borniert bleiben; sie wollen den Untergang, den eigenen - aber zuerst sollen die anderen daran glauben. Davon erzählt Céline. Davon weiß er. Und auch er will, dass die anderen vor ihm daran glauben sollen.

Céline gilt vielen neben Marcel Proust und James Joyce als der wichtigste Autor des 20. Jh. Céline und Proust, sie beide sind jenes 20. Jahrhundert, in dem der Glaube an die Zivilisation des 19. Jh. zusammenbricht: der Mensch ist nur begrenzt zu domestizieren. Proust schreibt mit dem Wissen um das 19. imperiale Jh. und seine Ordnungsideen; Céline mit dem Lebensgefühl für das Zeitalter der Massenmorde, der kollektiven Selbstzerstörungen und der Extreme zwischen Kommunismus und Faschismus. Céline zerpflückt die Sprache, die Formen und die heiligen Werte, die moderne Fortschrittsgläubigkeit, die Ängste der Kleinbürger und die Überhebungen der Großbürger: Niemand wird ein besserer Mensch. Auch Louis-Ferdinand Destouches-Céline nicht. Er will Maßstäbe setzen und kreist dabei immer um sich: Immer das eigene Leben und Empfinden im Mittelpunkt und als Maßstab, immer auf der Suche nach Anerkennung. Mit einem für das 20. Jh. sehr klassischen Weg: Kleinbürger, ein guter freiwilliger Soldat im ersten Weltkrieg, begeistert für den Kommunismus, enttäuscht von den sowjetrussischen Verhältnissen unter Stalin, die Suche nach ewigen Werten und einem Feind, dessen Existenz das Elend in der Welt erklärte, und schließlich: die Anlehnung an den Faschismus - als gäbe es dort Halt und die Chance zum Ausleben zugleich. Alles ist erlaubt. Auf faschistischem Terrain.

Der junge Louis Destouches: "Ich bin viel herumgekommen als ich jung war! Um ein Haar wäre ich in London Zuhälter geworden. Und meine kaufmännische Lehre habe ich in der Zweigniederlassung der Juweliere Lacloche in Nizza abgeschlossen; 1912." Alles ist aufgeschrieben. In Guignol's Band. In allen Romanen. "Und ich! ich bin immer der Held. Mittendrin. In der Zerstörung von zwanzig Jahrhunderten! Extra dafür geschaffen! Ich! jede Schöpfung trägt von Geburt an ihr eigenes Ende, ihren Mord in sich selbst."

Louis-Ferdinand Destouches (erst später nennt er sich nach seiner Großmutter Céline Guillou) wird im Mai 1894 in Courbevoie an der Seine in kleine Verhältnisse hineingeboren, und doch schicken ihn seine Eltern 1907 für ein Jahr auf eine Mittelschule nach Diepholz bei Hannover, 1908 noch einmal für vier Monate nach Karlsruhe und 1909 nach England. Im Geburtsjahr 1894 wird Nikolaus II. in Russland der neue und letzte Zar. In Frankreich wird der jüdische Offizier Dreyfus ungerechtfertigt des Landesverrats angeklagt, entehrt und eingesperrt. Er wird erst zwölf Jahre später rehabilitiert. Louis Lumière erfindet den Kinematographen.

Lucette Destouches schreibt über Céline: "Er war ein verzweifelter Mensch und von einem abgrundtiefen Pessimismus, doch gleichzeitig ging eine unglaubliche Kraft von ihm aus. Seine Traurigkeit war von einer solchen Intensität, dass alle vor ihm Reißaus nahmen. Ich aber blieb.... Louis' Mutter hatte den gleichen Charakter wie ihr Sohn, wenn auch weniger Verstand. Sie war Louis in schlicht. Immer ängstlich und pessimistisch, verkörperte sie das Elend, das man mit Haltung erträgt. Sie war Stickerin, doch sie selbst leistete sich keine Spitzen." Louis' Vater stirbt 1932, ein unzufriedener Mensch, der, wie viele andere Zeitgenossen, die Freimaurer, die Juden und Dreyfus für eigene Missgeschicke verantwortlich macht.

Eine kaufmännische Lehre bricht Céline erst ab, beendet sie dann aber doch. Der Einberufung zuvorkommend meldet er sich freiwillig am 28. September 1912 für die Dauer von drei Jahren zum 12. Kürassier-Regiment in Rambouillet. Im August 1913 und nach der Grundausbildung wird er zum Obergefreiten und im Mai 1914 zum Unteroffizier befördert. Nach dem Kriegsausbruch im August nimmt er teil an den Schlachten in den Argonnen und in Flandern. Im Oktober erleidet er eine Verletzung am rechten Arm, im Dezember 1914 wird ihm die Tapferkeitsmedaille verliehen. Von Mai 1915 bis März 1916 (im Okt. 15 wird er aus dem aktiven Dienst entlassen) arbeitet Céline in der Passabteilung des franz. Generalkonsulats in London. Dort heiratet er ein erstes Mal, Suzanne Nebout. Die Ehe wird jedoch bald geschieden. Frauen, Freundinnen und Mätressen hat Céline immer.

Ab 1916 arbeitet er für zwei Jahre als Angestellter einer französischen Handelsfirma in Kamerun, ab 1918 für die Rockefeller-Stiftung. 1919 legt er die Reifeprüfung ab, heiratet Edith Follet, die Tochter eines Arztes, der Chef einer Privatklinik ist. Céline avanciert zum designierten Nachfolger - so spürt er, dass er ein Schriftsteller ist. Die Ehe wird 1926 geschieden.

Von 1924 bis 1927 arbeitet er für das Gesundheitswesen des Völkerbundes. Er betreut drei Jahre lang medizinische Untersuchungen in Afrika und bei den Fordwerken in Detroit. In dem Bühnenstück L'Eglise [Die Kirche] denunziert Céline den Völkerbund "als die größte Synagoge im größten Freimaurertempel der Welt". Das ist 1928. Ende 1927 eröffnet er eine Praxis als Armenarzt, tagsüber ist er Arzt, nachts Schriftsteller. Er gilt als pazifistisch und kommunistisch gesonnen.

Von 1928 bis 1936 arbeitet er an der Staatsklinik in Clichy. 1932 erscheint Voyage au bout de la nuit. Ein Roman über die Zeit zwischen den Kriegen und Schlachtfeldern und Systemen. Eine Höllenfahrt des verlorenen Medizinstudenten und späteren Arztes Bardamu quer durch das erste Drittel des 20. Jh. Ein Aufschrei gegen die Verhältnisse in der Welt.

Der Schriftsteller erzählt in fast enzyklopädischer Totalität. Céline schüttelt alle Fesseln stilistischer und erzählerischer Konventionen ab. Er schöpft das ganze Spektrum der Schriftsprache, der Umgangssprache, des Jargons aus. Er macht sich mit den 'gemeinen' 'gemein' und schreibt erschütternde Poesie. Er spielt mit der Hochsprache und schreibt Argot; er übersteigert jede Sprachhaltung genüsslich ins Preziöse, auch die Redeweisen der Wissenschaft, er parodiert den vaterländischen Schwulst und erfindet Sprache und Poesie neu. Er birgt in seiner Sprache das 20. Jh.: wie die Menschen handeln und wohin sie sich treiben lassen. Oder andere treiben. Es gibt keine Hoffnung auf Fortschritt im eigenen kleinen Leben.

1932 erhält die Nationalsozialistische Partei bei der Reichstagswahl fast 38 Prozent der Sitze. Kanzler wird von Schleicher, der "soziale General". Hitler wird zum Regierungsrat in Braunschweig ernannt und erhält die deutsche Staatsangehörigkeit. In Frankreich wird Albert Lebrun Staatspräsident. Der Faschist Salazar wird portugiesischer Ministerpräsident.

Viele Künstler sind sich zu jener Zeit in einem antibürgerlichen Effekt einig: die einen engagieren sich bei den Kommunisten, wie Louis Aragon, andere freunden sich mit den Faschisten an. Wie so viele fährt Céline 1936 in die Sowjetunion, nach Leningrad - andere kommen enttäuscht, er als Faschist wieder.

Voyage au bout de la nuit wird sofort nach seinem Erscheinen ins Deutsche übersetzt von Isak Grünberg, einem in Paris lebenden österreichischen Journalisten. Auftraggeber ist der Piper Verlag. 1933 aber will der Verlag den Roman nicht mehr veröffentlichen. Sind es die Regierenden, die dies unterbinden? Solche Spekulationen gibt es. Die deutschen Rechte werden samt der Übersetzung des Isak Grünberg an den Verlag Julius Kittls Nachfolger in Mährisch Ostrau verkauft und der Roman erscheint dort im Dezember 1933. Grünberg erkennt im Veröffentlichten seine Übersetzung nicht mehr: "Verstümmelt, missgestaltet, verfälscht ist meine Arbeit", klagt er in der Amsterdamer Exilzeitschrift Die Sammlung. Der Übersetzer der neuen Rowohlt'schen Ausgabe, Hinrich Schmidt-Henkel, vermutet mehrere Bearbeiter, die, je weiter der Text voranschreitet, gekürzt, das Original im letzten Drittel eher zusammengefasst als übertragen haben. So dass der Roman vollständig erst 2003 in Deutsch zu lesen ist. 1936 erscheint Mort à crédit [Tod auf Kredit], auch dieser zweite Roman wird sofort (1937) in Deutschland veröffentlicht. Im selben Jahr beginnt Céline eine Reihe extrem antisemitischer und rassistischer Bücher zu schreiben; kein versteckter, verhuschter Antisemitismus: Celine schreibt in unverhüllter Mordlust. Er publiziert Bagatelles pour un massacre (Paris 1937). Dieses Buch erscheint 1938 in Dresden unter dem Titel Die Judenverschwörung in Frankreich. In Bagatelles setzt Céline Juden in grotesken Wortkaskaden in eins mit Negern, Engländern und Asiaten, die den Rest der Welt in einen Krieg treiben wollen, um ein Massaker unter Franzosen und Ariern anzurichten. Céline spricht in diesem Buch mit seinem Idol, einem erfundenen Hitler. 1938 folgen (mit einer weiteren Auflage 1942) L'Ecole des cadavres [Die Schule der Kadaver], 1941 Les Beaux Draps [Die schönen Leichentücher].

Im Krieg will Céline auf die Seite der deutschen Besatzer und Faschisten rücken, vermutlich aber geht es ihm nicht um Macht, sondern um Anerkennung. Als sich mit der Niederlage Deutschlands Célines Streben nach Integration als Fehlschlag erweist, produziert sein Inneres den Mechanismus, auf jede Kränkung mit Hass gegen andere zu reagieren - nun eben Hassausbrüche gegen die Deutschen. Drei autobiografische Romane hindurch rechtfertigt er sich und rechnet ab: D'un château l'autre [Von einem Schloss zum andern] 1957; Nord 1960 (deutsch Norden) 1964 und Rigodon 1969 (in Deutsch 1974).

Céline hat eine Reihe von offenen Briefen an kollaborierende Zeitungen während der Okkupation geschrieben, in ihnen schreckt er auch vor Denunziation nicht zurück. In Je suis partout schreibt er 1942 von der Gefährdung der bretonisch-keltischen Rasse durch die schleichende Verjudung: "50 000 Judensterne werden daran nichts ändern. Die Maßnahmen der deutschen Besatzung sind absolut unzureichend!"

Die Destouches gehören nach der alliierten Landung Anfang Juni 1944 zu den ersten, die Passierscheine bekommen und aus Paris fliehen. Am 17. erreichen sie Baden-Baden und werden gut untergebracht und versorgt. Bei einer Reise nach Berlin wird der Schriftsteller im Außenministerium empfangen. Nach kürzerem Aufenthalt in der Mark Brandenburg gehen sie im Oktober nach Sigmaringen, das für die Vichy-Regierung und viele faschistische Flüchtlinge der letzte Zufluchtsort ist. Im März 1944 flüchten die Destouches quer durch Deutschland über Berlin nach Dänemark, weil Céline 1937 sein Geld in Gold umgetauscht und bei einer Amsterdamer sowie bei einer Kopenhagener Bank deponiert hatte, wo es von Karen Jensen (auch eine Tänzerin, wie einige seiner Frauen und Freundinnen) vor der Konfiszierung durch die Deutschen gerettet worden war. Im März 1945 wird von einem franz. Gericht ein Haftbefehl gegen ihn erlassen (Anfang 1950 wird er in Abwesenheit zum Tode verurteilt). Die Dänen liefern ihn jedoch nicht aus. Wegen und trotz des Todesurteils.

Nach Kriegsende verdankt Céline sein Überleben vor allem zwei Bürgerlichen: Raoul Nordling, der schwedische Konsul in Paris, verwendet sich unter Einsatz seines Ansehens für ihn, und in Dänemark ist es der Rechtsanwalt Mikkelsen, der ihn und Lucette drei Jahre in einem Gästehaus wohnen lässt, betreut von einem Verwalterehepaar, und ihnen monatlich 700 Dänenkronen zur Verfügung stellt. Erwähnt wird Mikkelsen von Céline nicht; er verfälscht das dänische Exil zu einer grausamen Kerkerhaft, ohne Freunde und Helfer. Dies tut er auch, weil er für seine Rückkehr nach Frankreich die Strategie verfolgt, sich als zu Unrecht Verfemten, Bestohlenen und Betrogenen zu stilisieren. Auch deshalb wechselt er in seinen Romanen die Perspektive und erzählt nun als der einst berühmte, jetzt berüchtigte Schriftsteller Céline, über den alle herfallen. Er jammert, dass ihm alle Wertgegenstände aus seiner Wohnung gestohlen seien, dass er hungern müsse, während es den Sartres gut geht und sie gefeiert werden. Nach einer ihm Anfang 1952 gewährten Amnestie kehren Céline und seine Frau nach Frankreich zurück. Céline lässt sich in Meudon als Armenarzt nieder.

Er hört nicht auf, kollektive Selbstvernichtungen zu beschwören und seine Katastrophenphantasien auszubreiten, nun sind es eben die Chinesen und die Wasserstoffbombe. Die Welt soll zugrunde gehen, vielleicht weil Céline sich selbst nicht leiden kann. Vielleicht weil er auch nur auf der richtigen Seite stehen möchte, um vor all den Mischlingshorden geschützt zu sein, so sein grobes Wunschbild. Die Mischlingshorden, Neger, Juden und Chinesen stehen für das Neue, die Veränderung, das Anstrengende.

Célines Leben ist eines in extremer Selbstbezogenheit und in reaktionärem Idealismus, auch in Besserwisserei: Céline will keine Verständigung, er äußert seine private Wut in seiner privaten Sprache öffentlich. Er collagiert, er schreibt alles, was geschieht, in sein Delirium hinein: Die Modelle existieren im Leben und werden variiert wie die Namen: der meldepflichtige Dr. Destouches, der Bürger Destouches zahlt als Céline Steuern. Der in Abwesenheit zum Tode verurteilte Schriftsteller Céline entzieht sich moralisch wie juristisch jeglicher Verantwortung: Sein Anwalt reicht den Antrag auf Amnestie unter "Dr. Destouches" ein.

1944 erscheint in Paris der Roman Guignol's Band. 1947 geht es mit A l'agité du bocal weiter. Und 1952 mit Casse-pipe und Féerie pour une autre fois. Ganz gleich was geschieht, Céline schreibt und wird veröffentlicht. Immer unter Erregung von Aufsehen.

Peter Weiß sagt: "Wörter, die ihre Unfähigkeit zur Anteilnahme an der Außenwelt beschrieben, mussten im Kreis laufen und sich dabei zerreiben. Solche Wörter hatten als letzte Konsequenz nur noch das Schweigen. Damit betrog er aber die Absichten, die in jeder Mitteilung lagen, denn im Wesen jeder Mitteilung ist der Wunsch nach Veränderung enthalten." Diese Identität von Mitteilung und Verändernwollen kennt der Schriftsteller Céline nicht: Seine Prosa suggeriert Bewegung, die epische Struktur ist aber statisch. "Der Tanz ist ein Totentanz, der Schrei ist nach innen gewendet." Schreibt Fritz Raddatz. "Celine hat hochgestapelt, er hat so hochgestapelt, wie es nur ging ; wie er es immer tat." Schreibt der französische Schriftsteller André Gide.

Célines Bücher, mitteilsam, geschwätzig, exhibitionistisch fast, verweigern Auskünfte, sind Spiegelungen, Verstellungen. Der Schöpfer einer neuen Sprache darf nicht beim Wort genommen werden. Auch nicht in seinen Briefen. "Es ist alles im Fieber gesagt. Und: Ich muss tüchtig rackern, damit die andern Maulaffen mich sehen und hören. Und lesen!" "Ich bin der Autor des ersten kommunistischen Romans, der jemals geschrieben worden ist...."

Der Schluss von Le Voyage au bout de la nuit: "Von fern pfiff der Schleppdampfer; der Ruf hallte über die Brücke, über noch einen Bogen, noch einen, über die Schleuse, eine weitere Brücke, weit, noch weiter... Er rief alle Lastkähne des Flusses zu sich, alle, und die ganze Stadt, und den Himmel und die Landschaft, und uns auch, er trug alles fort, die Seine auch, alles, damit das alles ein Ende hat."

Louis-Ferdinand Céline stirbt am 2. Juli 1961, am Tag des Abschlusses seines Romans Rigodon: "...solch perlende Tiefen, dass nichts mehr existiert..." Rigodon ist apokalyptische Groteske und voller nörgelnder Alterselegie, aber es ist vor allem eine Chronik des Zusammenbruchs des Faschismus. Und bis jetzt gibt es in der deutschen Literatur keine bessere.

© Dr. J. Monika Walther
www.jmonikawalther.de  
Mail JMonikaWalther@aol.com
 
Unsere Buchempfehlung: Reise ans Ende der Nacht

 

Tags: 

Tickets

Hotels in Frankreich

Anzeige