Bayle, Pierre

Geburtsdatum: 18. November 1647
Geburtsort: Carla-Bayle
Sterbedatum: 28. Dezember 1706
Sterbeort: Rotterdam

Er gilt zusammen mit dem 10 Jahre jüngeren Fontenelle als zentrale Figur der sog. Frühaufklärung.

Geboren und aufgewachsen in einem Pyrenäendorf als Sohn eines hugenottischen Predigers, besucht er ab 1666 die protestantische Akademie von Puylaurens (Dép. Tarn). Von religiösen Zweifeln geplagt, wechselt er 1699 auf das Jesuiten-Kolleg von Toulouse und konvertiert zum Katholizismus. Ein gutes Jahr später bereut er unter neuen Zweifeln seine Konversion und flüchtet als "relaps" (Renegat) ins kalvinistische Genf. Hier und etwas später in Rouen, das zu dieser Zeit noch eine größere kalvinistische Gemeinde hat, verdingt er sich als Hauslehrer (précepteur) und beschäftigt sich mit Philosophie, insbes. der von Descartes.

1675 wird er Philosphieprofessor an der protestantischen Akademie von Sedan in Lothringen, das damals formell noch Teil des Deutschen Reiches ist. Als die Akademie 1681 im Rahmen der zunehmenden Einschnürung des franz. Protestantismus und der zunehmenden Vereinnahmung Lothringens durch Frankreich geschlossen wird, geht Bayle, wie so viele kalvinistische franz. Intellektuelle, nach Holland und bekommt in Rotterdam an einer neueröffneten Hochschule eine Professur für Philosophie und Geschichte.

1682 publiziert er sein erstes Buch: Lettre sur la comète de 1680 (den ca. alle 30 Jahre sichtbaren Halleyschen Kometen), das er 1683 erweitert zu Pensées diverses sur la comète und an das er 1704 noch eine Continuation des Pensées diverses anfügt. In diesem Buch widerlegt er zunächst die abergläubischen Vorstellungen, die man mit Kometen verband und die von vielen Theologen zur Verängstigung und Disziplinierung der Gläubigen ausgenutzt wurden, und er propagiert die Idee, dass alles Wissen, aber auch alle Glaubenssätze ständig kritisch überprüft werden müssen. In einem zweiten Arbeitsgang entwirft er die Grundlagen einer nicht religiös bestimmten Moral bzw. Ethik, wobei er die seinerzeit unerhörte These entwickelt, dass ein Atheist nicht zwangsläufig auch sittenlos sein und unmoralisch handeln müsse.

Von 1684-87 ist Bayle Herausgeber und wichtigster Beiträger der Zeitschrift Nouvelles de la République des Lettres, die den Beginn eines literaturkritischen und populärwissenschaftlichen Journalismus bedeutet und sich an jenes über ganz Europa verstreute geistig interessierte Publikum richtet, das das Französische als die Sprache von Bildung und Wissen beherrscht. In Frankreich selbst allerdings wird die Zeitschrift verboten.

Als 1685 Louis XIV das von Henri IV erlassene Toleranz-Edikt aufhebt (das berühmte Édit de Nantes) und damit die Flucht von über 200.000 Protestanten aus Frankreich bewirkt, reagiert Bayle mit zwei kritischen Schriften: Ce que c'est que la France toute catholique sous le règne de Louis le Grand (1686), worin er die religiöse Intoleranz des franz. Staates und die unheilige Allianz von Thron und Altar brandmarkt, und Commentaire philosophique sur ces paroles de Jésus-Christ "Contrains-les d'entrer" (1687), worin er nochmals Toleranz und Gewissensfreiheit, auch für Andersgläubige und Atheisten, fordert, und zwar nicht nur als moralisches Prinzip, sondern als ein Gebot der Vernunft.

Schon seit den Pensées ist Bayle nicht nur den Katholiken suspekt, sondern auch vielen Protestanten, die seine distanzierte Haltung in Konfessions- und Glaubensfragen als verkappten Deismus, wenn nicht Atheismus betrachten. Von protestantischer Seite, zumal von seinem ebenfalls nach Holland gegangenen Sedaner Ex-Kollegen Pierre Jurieu, wird er deshalb heftig attackiert, als man ihm die volle oder teilweise Urheberschaft der anonymen Schrift Avis important aux réfugiés (1690) zuschreibt, worin vor den Umtrieben der Scharfmacher unter den emigrierten Hugenotten gewarnt wird, die Holland und England in einen Rachekrieg gegen Louis XIV zu treiben versuchten.

1693 verliert Bayle seine Professur und widmet sich nun ganz der Arbeit an dem von einem holländischen Verleger quasi bestellten und vorfinanzierten Dictionnaire historique et critique (2 Bde 1695/96, 4 Bde 1702). Dieses sollte ursprünglich eine verbesserte Version des Grand Dictionnaire historique (1674 u.ö.) sein, eines Namens- und Personenlexikons des Jesuiten Louis Moreri, wuchs sich aber aus zu einen Nachschlagewerk neuen Typs. Bayle nämlich beschränkt sich nicht auf eine Bestandsaufnahme des zeitgenössischen Wissens über historische Personen und Figuren (z.B. auch solche der Bibel), sondern er versucht darüber hinaus und vor allem eine kritische Sichtung dieses Wissens. Hierzu führt er als bahnbrechende Neuerung ein, dass er die eigentlichen Artikel kurz hält und auf das Faktische beschränkt, ihnen aber längere Fußnoten beigibt, in denen er Quellen und Autoritäten zitiert, und zwar häufig solche, die sich widersprechen, womit er den Leser unvermerkt zum Hinterfragen scheinbar verbriefter Tatbestände und zum eigenen Denken und Entscheiden zwingt.

Bayles Lexikon erlebte bis 1760 mehr als 10 Auflagen und wurde ein Brevier der Aufklärer. Eine dt. Übersetzung, verfasst von dem bekannten Literaten Johann Christoph Gottsched, erschien 1741-44 als Peter Baylens historisches und kritisches Wörterbuch.

Bayle selbst erlebte seinen Ruhm jedoch nicht mehr. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er mit Verteidigungsschriften gegen die Anwürfe, die ihm sein Lexikon eintrug, und in Polemiken mit seinem Spezialfeind Jurieu sowie anderen dogmatischen reformierten Theologen.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur
 
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