Apollinaire, Guillaume

Geburtsdatum: 26. August 1880
Geburtsort: Rom
Sterbedatum: 9. November 1918
Sterbeort: Paris
Beigesetzt: Friedhof Père Lachaise

Er gilt heute als wohl bester franz. Lyriker des Jahrhundertbeginns.
Geboren wurde er (laut Taufurkunde) als Guglielmus Apollinaris Albertus Kostrowitzky in Rom, erster von zwei Söhnen des Francesco Flugi d'Aspermont, eines hochadeligen Ex-Offiziers des Ex-Königreichs Neapel, und dessen junger Geliebten Angelica (de) Kostrowicka, der in Rom aufgewachsenen Tochter eines 1866 dorthin emigrierten kleinadeligen polnisch-russischen Ex-Offiziers und einer Italienerin.

Seine Vorschulzeit verlebte er in Rom; seine Schülerjahre verbrachte er (unter dem Namen Wilhelm de Kostrowitzky) überwiegend in Monaco, wohin die Mutter 1887 umgezogen war, nachdem der Vater 1885 auf Druck seiner Familie das Verhältnis mit ihr aufgelöst hatte. 1895 wechselte Apollinaire auf ein Gymnasium in Cannes und 1897 auf eines in Nizza, offenbar aber ohne dort, wie sicherlich geplant, 1898 das baccalauréat abzulegen. In all diesen Jahren kümmerte sich ein Onkel väterlicherseits, der in Monaco Geistlicher war, um ihn und seinen jüngeren Bruder Roberto, während die Mutter sich weiter als Geliebte reicher Männer durchschlug und viel abwesend war.

Apollinaire war guter Schüler und lernte neben dem Französischen, das ja nicht seine Muttersprache war, Latein, Griechisch und Deutsch. Warum er das „bac“ nicht abgelegt hat, ist unbekannt.
1898 verlebte er lesend und schreibend in Monaco (wobei er diverse Pseudonyme ausprobierte, darunter auch schon „Guillaume Apollinaire“). Anfang 1899 zog die Mutter mit ihrem seinerzeitigen Liebhaber und den beiden Söhnen nach Paris. Den Sommer verbrachte die Familie in Stavelot in Belgien, wo Apollinaire sich in den Ardennen-Wald verliebte — sowie in eine Gastwirtstochter, auf die er Gedichte verfasste. Auch seine ersten Versuche als Erzähler unternahm er hier.

Zurück in Paris, lebte er schlecht und recht von kleinen Jobs, unter anderem als "nègre" (Lohnschreiber) eines arrivierten Romanciers und als Sekretär. Nebenbei verfasste er weiter eigene Texte: ein kurzes Theaterstück (das angenommen, aber nicht aufgeführt wurde), Gedichte (vor allem an die Schwester eines Freundes, die ihn aber nicht erhörte), sowie Erzählungen, darunter als Auftragsarbeit eine pornographische.

Im Sommer 1901 wurde er von der gebürtigen Deutschen Mme de Milhau für ein Jahr als Französischlehrer für ihre Tochter eingestellt. Samt seiner jungen englischen Kollegin Anny begleitete er Mme de Milhau, die Besitzungen in und bei Bad Honnef geerbt hatte, auf einem längeren Aufenthalt dorthin. Hierbei inspirierte ihn das Rheinland — und mehr noch seine unglückliche Verliebtheit in Anny — zu einer Reihe meist melancholischer Gedichte, die später z.T. in sein Hauptwerk eingingen, die Sammlung Alcools. Während zweier Urlaube Anfang und Mitte 1902 bereiste er Deutschland, vor allem den Westen und Süden, von Düsseldorf bis München, aber auch Berlin, Dresden, Prag und Wien. Diese Reisen verarbeitete er in seinen Gedichten und Erzählungen sowie in Reise-Impressionen für Pariser Zeitungen.

Nachdem er 1901 seine ersten zum Druck angenommenen Gedichte noch als „Wilhelm Kostrowitzky“ gezeichnet hatte, wählte er Anfang 1902 für seine erste gedruckte Erzählung, L'Hérésiarque, das Pseudonym „Guillaume Apollinaire“, das er von nun an ständig benutzte.

Seit seiner Rückkehr nach Paris 1902 arbeitete er als kleiner Bankangestellter. Zwei Reisen nach London, um Anny zu erweichen, blieben erfolglos.

Neben seiner Büroarbeit schrieb er Gedichte, Erzählungen, Literaturkritiken und diverses Journalistisches. Nach und nach fand er Zugang zu mehreren der damals zahlreichen Pariser literarischen Zeitschriften und befreundete sich mit diversen Literaten, insbes. Alfred Jarry.

Obwohl nicht eben Fachmann, aber immerhin ja Bankangestellter, spielte er 1904 den Chefredakteur einer Zeitschrift für Geldanleger, Le Guide des Rentiers. Im selben Jahr ließ er in einem Feuilleton die märchenhaft surrealistische, ziemlich misogyne Erzählung L’Enchanteur pourrissant erscheinen (Der faulende Zauberer, i.e. Merlin), die 1909 als Buch herauskam, vermehrt um einen neuen Anfangs- und Schlussteil sowie Holzschnitte von André Derain.

1905 lernte Apollinaire Picasso und Max Jacob kennen, über die er in das Milieu der Pariser Avantgarde-Maler gelangte und in die Rolle eines Kunstkritikers hineinwuchs. Wohl nicht nur aus Geldnot schrieb er hin und wieder auch pornographische Texte, z.B. Les onze mille verges und Les exploits d'un jeune Don Juan (beide 1907), und betreute er ab 1909 bei einem Verlag die Buchreihe Les maîtres de l'amour, die er mit ausgewählten Texten von Sade (der zu dieser Zeit noch wenig bekannt war) und Aretino eröffnete.

1907 begegnete er bei Picasso der Malerin Marie Laurencin, mit der er einige Jahre liiert blieb, bis sie ihm wegen seiner Macho-Allüren 1912 den Laufpass gab. Das bekannte Bild La Muse inspirant le poète, das der „Zöllner“ Henri Rousseau von beiden malte, entstand 1908.

1910 publizierte Apollinaire unter dem Titel L'Hérésiarque & Cie. eine Sammlung seiner bis dahin verfassten Erzählungen: 23 meist kurze, oft düster fantastische Texte in der Art von E.T.A. Hoffmann, Nerval, Poe und Barbey d'Aurevilly. Das Buch wurde für den Prix Goncourt nominiert, bekam ihn aber nicht.

1911 stellte ein Bekannter eine im Louvre gestohlene Büste bei Apollinaire ab. Als dieser deren Herkunft erfuhr und versuchte, die Rückgabe einzufädeln, wurde er als Hehler verdächtigt und verhaftet. Obwohl er — nicht zuletzt dank einer Unterschriftenaktion vieler Literaten und Künstler — nach fünf Tagen freikam, war er traumatisiert und fühlte sich als Ausländer diskriminiert.

1912, nachdem ihm der Schock der Verhaftung und der Bruch mit Marie Laurencin noch einige gelungene Gedichte eingegeben hatten, beschloss er, die besten seiner lyrischen Texte zu einem Sammelband zu komponieren, der Eau-de-vie (Schnaps) heißen sollte. Auf den schon fertigen Druckfahnen änderte er den Titel in Alcools und tilgte kurz entschlossen die gesamte Interpunktion ­— ein Entschluss, der in den 20er Jahren Nachfolger finden und Schule machen sollte. Die offiziöse Kritik von 1913 allerdings stieß sich am ungewohnten Fehlen der Interpunktion, und zwar so sehr, dass sie das ganze, teils noch dem Symbolismus verpflichtete, teils dezidiert modernistische Bändchen negativ bewertete, als es im April erschien. Apollinaire, der sich von ihm einen Durchbruch erhofft hatte, war enttäuscht. Er reagierte mit literatur-, aber auch kunsttheoretischen Artikeln, worin er aggressiv die neuen Formen verteidigte. Dies trug ihm Gegenangriffe ein, die wiederum ihn provozierten und bis zu Duellforderungen trieben (die aber unrealisiert blieben). Den epochemachenden Erfolg des Bändchens sollte er nicht mehr erleben.

Kurz vor Alcools (März 13) brachte er eine Sammlung von Zeitschriftenartikeln über Kunst und Künstler heraus, die schlicht Méditations esthétiques heißen sollte, vom Verlag aber den zugkräftigeren Obertitel Les peintres cubistes bekam und den neuen Begriff zu etablieren half.

Wie immer, schrieb er zugleich auch Erzählendes in diesem Zeitraum, insbs. die Langnovelle Le Poète assassiné (die erst 1916, zusammen mit einigen kürzeren Novellen in Buchform herauskam) und Les trois Don Juan.

Im Mai 1914 beteiligte er sich mit drei von ihm gesprochenen Gedichten aus Alcools an der Aufnahme einer Schallplatte mit symbolistischer Lyrik. Kurz hiernach begann er mit der Abfassung von „idéogrammes“ (Bildgedichten, die er später „calligrammes“ nannte).

Als am 1. August 1914 der Krieg ausbrach, ließ auch Apollinaire sich von der allgemeinen Begeisterung anstecken und feierte den Krieg literarisch. Er meldete sich sofort als Freiwilliger, wurde aber nicht genommen, weil er ja Ausländer war, nämlich Russe aufgrund seines aus dem damals russischen Teil Polens stammenden Großvaters. Erst ein zweiter Anlauf im Dezember hatte Erfolg. Er wurde nun sogar zu einem Offzierslehrgang zugelassen und beantragte seine Einbürgerung samt einer Namensänderung, die sein Pseudonym zu seinem offiziellen Namen machen sollte. Während des Lehrgangs hatte er offenbar genug Zeit zum Schreiben, vor allem von Liebesbriefen und –gedichten. Diese galten zunächst einer gewissen Louise de Coligny-Châtillon, in die er sich, überwiegend unglücklich, kurz vor seiner Einberufung verliebt hatte; sie gingen dann aber mehr und mehr an eine junge Algerien-Französin, die er auf der Rückfahrt von einem enttäuschenden Treffen mit Louise im Zug kennengelernt hatte (und mit der er sich im Sommer 15 brieflich und auf einem Besuch bei ihrer Familie Silvester 15/16 auch persönlich verlobte).

Im Frühsommer 1915 kam Apollinaire an die Front, zunächst zur Artillerie, wo er etwas hinter der Linie war und auch Zeit zum Schreiben fand. Im November durfte er ganz nach vorn, war aber nach kurzer Faszination desillusioniert vom Dreck und Elend der Schützengräben. Im März 16, wenige Tage nach Vollzug seiner Einbürgerung und Namensänderung, verletzte ihn ein Granatsplitter an der Schläfe. Er musste mehrfach operiert werden, wurde aber auch mit einer Auszeichnung bedacht.

Während des anschließenden, gut einjährigen Genesungsurlaubs versuchte er — mit bandagiertem Kopf und in Uniform (denn er war ja offiziell Soldat) — sein altes Pariser Leben wieder aufzunehmen. Dies gelang trotz seiner geschwächten Gesundheit und der Kriegsverhältnisse relativ gut. Er machte vor und nach dem Kriegsanfang begonnene Werke fertig, z.B. die Gedichtsammlung Calligrammes oder den Erzählband Le Poète assassiné. Daneben schrieb er das surrealistische Stück Les mamelles de Tirésias (Auff. Juni 17), hielt Vorträge über die zeitgenössische Lyrik und konnte feststellen, dass er etwas galt im Pariser Literaturbetrieb. Seine Verlobung löste er Ende 16 auf: Er sei erschöpft und habe sich sehr verändert.

Halbwegs genesen, verfasste er im Frühjahr 17 den Roman La Femme assise. Im Juni wurde er reaktiviert, konnte aber in Paris bleiben, wo er Dienst in der Zensurabteilung des Kriegsministeriums tat.
Im Januar 18 musste Apollinaire mit einer Lungenentzündung mehrere Wochen in eine Klinik. Hiernach pflegte ihn eine junge Frau aus dem Künstlermilieu, Jacqueline Kolb, die er im Mai kurzentschlossen heiratete. Ob „la jolie rousse“ (die hübsche Rothaarige), wie er sie in einem Gedicht besang, die Frau fürs Leben war, die ihn endlich von seinem quälerischen Selbstbild eines ungeliebten „mal-aimé“ hätte befreien können, steht dahin, denn im November erlag er der Virus-Grippe, die in Europa grassierte (und mehr Menschen dahinraffte als der ganze Erste Weltkrieg). Er wurde beigesetzt auf dem Friedhof Père Lachaise.

Im Nachlass fanden sich zahlreiche Gedichte und Prosa-Fragmente, die in den folgenden Jahren gedruckt wurden und die Position Apollinaires in der Literaturgeschichte festigten.
 
nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur

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