Willkommen bei der Frankreich-Experte

Home Fotogalerie Frankreich-Forum Linksammlung Suche

Themen

. Geschichte
. Regioführer
. Geographie
. Kultur
. Gesellschaft
. Lifestyle
. Politik
. Wirtschaft
. Sprache

. Frankreich-ABC
. Inhalt


Reisen

. Hotels
. Ferienhäuser
. Campingplätze
. Mietwagen
. Hausboote
. Flüge


Literatur des 20. Jahrhunderts

Marguerite Yourcenar

frz. Schrifstellerinnen

    .
    .
    Essay von Elisabeth Böllmann

    Denken gegen den Strom.
    Zum 100. Geburtstag von Marguerite Yourcenar

    Denken gegen den Strom nennt Marguerite Yourcenar eine Erfahrung aus ihrer frühen Kindheit, als ihr Vater ihr Au-dessus de la mêlée von Romain Rolland zu lesen gibt, in dem der Autor um Verständnis für die Gegner Frankreichs, also für die deutsche Seite, im Ersten Weltkrieg bemüht ist und deshalb in Frankreich vielfach heftig kritisiert wird. Ihr ganzes Leben wird Marguerite Yourcenar sich diese prüfende, nach allen Seiten hin offen haltende Einstellung bewahren, und sich ihr eigenes Urteil bilden. Sie erlangte Berühmtheit, ohne sich je darum bei den Medien bemüht zu haben. Ihr Leben lebte sie nach den ihr eigenen Gesetzen.

    Wer war nun Marguerite Yourcenar? Sie kommt am 8. Juni 1903 als Marguerite Cleenewerck de Crayencour in Brüssel zur Welt. Ihr Vater, Michel Cleenewerck de Crayencour, war verwitwet und hatte im Alter von siebenundvierzig Jahren in zweiter Ehe die achtundzwanzigjährige, aus einer belgischen Familie stammende Fernande Cartier de Marchienne geheiratet, die an den Folgen der äußerst schwierigen Geburt zehn Tage später stirbt. Aufgewachsen in einem mutterlosen Haushalt, wird sie von Kind an durch die unkonventionelle Lebenshaltung ihres Vaters geprägt, Er ist gebildet, vielseitig interessiert, Jurist, ohne in dieser oder einer anderen Branche je tätig zu sein, zu seinem Glück einigermaßen vermögend. Er war kein Mann, der bereit war, auf seine Vorlieben zu verzichten und behält seinen freien, ungezwungenen Lebensstil bei: er verbringt die Wintermonate in Südfrankreich, des Klimas und der Spielkasinos wegen, sowie im Stadthaus in Lille. Allerdings nimmt er Marguerite mit auf seine Reisen, was nicht heißt, daß er sich exzessiv um sie kümmert; dazu ist Personal da. Spiel und Frauen zogen ihn an; hatte er Geld, so gab er es aus; wollte er reisen, so reiste er. Er desertierte zweimal aus der französischen Armee, einmal, weil er Spielschulden nicht begleichen konnte und sein Vater dafür nicht gerade stand, ein zweites Mal, um die Gesellschaft einer Engländerin in London nicht aufgeben zu müssen. Er ist ein Mann, der, obwohl dreimal verheiratet, dennoch keine verpflichtenden Bindungen eingeht. Sein Wahlspruch: Man fühlt sich wohl nur anderswo, gilt nicht nur für Wohn- und Aufenthaltsorte, sondern symbolisiert auch seinen rastlosen, ungebundenen Charakter, der weder an Orten noch bei Menschen länger oder gar dauernd Haftung findet. Er ist, wie Marguerite selbst sagt, dem Verständnis der gegenwärtigen Generation nur schwer nahe zu bringen und verkörpert eine längst vergangene Welt. Das Interesse an seiner Tochter entsteht erst, als er ihr geistiges Potential entdeckt und sie sich, ganz im Gegensatz zu seinem Sohn aus erster Ehe, zu einer intellektuellen Wegbegleiterin entwickelt. Die Vater-Tochter-Beziehung vertieft sich in dem Ausmaß, in dem Marguerites geistiger Reifeprozeß vor sich geht. Beide haben die gleichen Neigungen und Interessen wie Lesen, Schreiben, Sprachen, Reisen und vor allem uneingeschränkten Respekt vor der Lebensweise des anderen. Es bleibt sein großer Verdienst, daß er ihre Begabung gefördert und niemals versucht hat, sie in eine andere Richtung lenken zu wollen. Es war ihm noch gegönnt, zwar nicht die ganz großen Erfolge seiner Tochter mitzuerleben aber doch zu wissen, daß sie sich auf dem besten Weg dorthin befand.

    Elisabeth Böllmann
    .
    .

Anzeige

Copyright © by www.frankreich-experte.de
Impressum / Kontakt