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Voltaire galt schon zu Lebzeiten als der bedeutendste französische, vielleicht sogar der bedeutendste europäische Autor des 18. Jh., das in Frankreich auch le siècle de Voltaire heißt. Er wächst auf als jüngerer Sohn eines nichtadeligen, aber reichen Gerichtsgebühreneinnehmers (receveur d'épices) in der väterlichen Dienstwohnung im Parlement, d.h. im ehemaligen Palais Royal auf der Ile de la Cité.
1701 verliert er seine Mutter, und da er sich von seinem strengen, jansenistisch-frommen Vater und seinen erheblich älteren Geschwistern wenig geliebt fühlt, hält er sich heimlich für den außerehelich gezeugten Sohn eines adeligen Freundes der Familie, M. de Rochebrune. Seine Schulzeit verbringt er im Jesuitenkolleg Louis-le-Grand (heute Lycée Louis-le Grand), wo er eine solide Bildung in antiker griechisch-römischer Literatur, Mathematik, Geschichte und Religion erwirbt und mit Preisen ausgezeichnet wird, aber auch Freude am Theater entwickelt sowie nicht zuletzt einige Freunde unter den überwiegend adeligen Mitschülern gewinnt, die ihm später von Nutzen sein werden.
Unter dem Druck des Vaters absolviert er 1711-13 Jurastudien an der Pariser École de Droit. Doch interessiert ihn die Juristerei nicht, da er schon seit seinen Schülerjahren schreibt und über seinen schöngeistigen Patenonkel, den Abbé de Châteauneuf, in literarische Zirkel gelangt ist, wo er als frühreifes Talent bewundert wird. Auch ein vom Vater verfügter Zwangsaufenthalt (1713) als Notariatsangestellter (clerc de notaire) in Caen und dann als Privatsekretär des französischen Botschafters in Den Haag fruchten nichts. Der Vater denkt daran, ihn zu enterben und nach Amerika deportieren zu lassen, gibt dann aber auf.
Voltaire hat inzwischen einen gewissen Ruf als geistreicher Versemacher erlangt und erhält Zutritt zu dem epikuräisch-freidenkerischen Zirkel um den hochadeligen Grand Prieur Philippe de Vendôme, wo er mit witzigen und oft respektlosen Versen brilliert. Ein satirisches Gedicht auf den Régent, Herzog Philippe d'Orléans (der 1715-23 für den minderjährigen Louis XVI die Regentschaft führt), bringt ihm 1716 eine Verbannung aus Paris ein; am 16. Mai 1717 kommt er für neuerliche Verssatiren auf den Régent ein erstes Mal in die als Nobel-Gefängnis dienende Pariser Stadt-Festung Bastille. Dort liest, schreibt und reflektiert er, beginnt ein Versepos, La Henriade, über den seines Erachtens größten französischen König, Henri IV, und seine erste Tragödie, Oedipe. Dank der Fürsprache hochstehender Gönner kommt er nach elf Monaten aus der Haft wieder frei, wonach er sich den Namen "de Voltaire" zulegt.
Im November 1718 macht ihn die Aufführung von Oedipe schlagartig berühmt. Wieder verkehrt er in schöngeistigen und adeligen Pariser Salons, ist auch gerngesehener, weil unterhaltsamer Gast in hochadeligen Landschlössern rund um Paris. Nebenbei schreibt er, z.B. das Stück Artémire (1720), hat eine erste Mätresse, Mme de Bernières, erbt 1722 von seinem Vater und kumuliert 1722 und 25 zwei pensions aus der königlichen Schatulle, so dass er schon mit 30 finanziell erfreulich unabhängig ist. 1725 erhält er als Günstling von Mme de Prie, der allmächtigen Mätresse des neuen Ministers, des duc de Bourbon, sogar Zutritt am Hof. 1726 lässt der hochadelige chevalier de Rohan ihn wegen einer spöttischen Bemerkung von seinen Dienern verprügeln. Der empörte Voltaire nimmt Fechtunterricht, um den Chevalier zum Duell zu fordern. Die Rohans erwirken jedoch einen königlichen Haftbefehl (lettre de cachet) gegen ihn, wieder sitzt er in der Bastille. Da er inzwischen aber berühmt ist, bietet ihm König Louis XV die Freiheit an unter der Bedingung, dass er Frankreich verlässt. Er akzeptiert und geht für fast drei Jahre (1726-28) nach England, das gerade dabei ist, als erstes Land der Welt in die industrielle Revolution einzutreten. Hier publiziert er 1728 La Henriade, lernt aber auch Englisch sprechen und schreiben und verkehrt in besten Londoner gesellschaftlichen und intellektuellen Kreisen. Er ist fasziniert von der wirtschaftlichen, philosophischen und wissenschaftlichen Aufbruchstimmung, die in England herrscht, vor allem aber von der relativ großen geistigen Freiheit und sozialen Mobilität in dieser multikonfessionellen Gesellschaft, wo die Macht des Königs und die Privilegien des Adels eingeschränkt sind. Dieses England den Franzosen als Vorbild hinstellend, schreibt er die Lettres philosophiques oder Lettres anglaises, die er wohlweislich zunächst nicht publiziert.
1729 darf er nach Paris zurück, den Koffer voller fertiger und angefangener Schriften, darunter die historiographischen Werke Histoire de Charles XII (1731) und Le Siècle de Louis XIV (1751), oder die Tragödien Brutus (1730) und Zaïre (1732), die beide große Erfolge werden. Daneben spekuliert er geschickt mit seinem Vermögen und wird u. a. stiller Teilhaber von Heereslieferanten, so dass er für den Rest seines Lebens mehr als nur wohlhabend ist. 1734 erscheinen zugleich in London und Paris die Lettres philosophiques, wieder gibt es eine lettre de cachet gegen Voltaire. Dieser zieht sich mit seiner neuen Freundin Mme du Châtelet auf deren Schlösschen in Cirey in Ostfrankreich zurück, von wo aus er im Ernstfall schnell ins nahe Lothringen ausweichen kann (das bis 1738 de jure noch zum Deutschen Reich gehört).
In den nächsten Jahren führt er ein unstetes Wanderleben: er ist in Paris, wenn er darf; er geht nach Cirey, wenn ihm Paris zu gefährlich wird; er hält sich aber länger auch in Brüssel auf und in Holland, das zur Druckerei Europas avanciert ist und wo er viele seiner Werke erscheinen lässt. Über Emilie du Châtelet, die eine aktive Naturforscherin ist, entwickelt Voltaire Interesse auch für die Naturwissenschaften; seine Domänen bleiben jedoch die Geschichtsschreibung und die philosophisch, d.h. aufklärerisch, inspirierte Literatur, in Gestalt z.B. von Tragödien:
- Adélaïde du Guesclin, 1734;
- La Mort de César, 1735;
- Alzire, 1736;
- Mahomet, 1741 (nach der dritten Aufführung abgesetzt, da Voltaires negative Darstellung des Religionsgründers Mohammed von der Kirche ganz richtig als Kritik am Katholizismus verstanden wird).
Daneben schreibt er das burleske Epos La Pucelle (sc. Jeanne d'Arc, die "Jungfrau von Orléans"), das lange nur in privaten Abschriften zirkuliert. Da er seit 1736 in Briefkontakt zu Kronprinz Friedrich von Preußen steht und von diesem umworben wird, ist Voltaire, als Friedrich 1740 König wird, plötzlich persona grata auch bei Louis XV, der ihn 1742/43 mehrfach in diplomatischer Mission nach Preußen schickt, das im österreichischen Erbfolgekrieg (1740-48) zunächst mit Frankreich verbündet gewesen, 1742 aber ausgestiegen war. Voltaire hat nun wieder Zutritt am Hof in Versailles; seine Tragikomödie La Princesse de Navarre wird dort anlässlich der Hochzeit des Kronprinzen (des Dauphin) aufgeführt (1745). Darüber hinaus wird er zum historiographe du roi ernannt und zum königlichen Kammerherrrn (gentilhomme de la chambre), womit er endlich regulär geadelt ist.
1746 wird er auch Académicien. 1747 fällt er plötzlich in Ungnade, als er auf Englisch Mme du Châtelet am Spieltisch der Königin vor hochadeligen Falschspielern warnt. Er versteckt sich auf einem Schloss der Duchesse du Maine, wo er seine Gastgeberin mit seinen ersten erzählenden Werken unterhält, u. a. dem Kurzroman Zadig. 1748/49 lebt er mit Mme du Châtelet meistens im Schloss von Luneville, wo seit 1738 der polnische Ex-Königs Stanislas Leszczynski residiert. Hier stirbt Mme du Ch. Ende 1749 nach der Geburt eines Kindes, das aber nicht von Voltaire ist. Dieser ist trotzdem betroffen, auch wenn er schon seit ca. 1745 nebenher mit seiner verwitweten Nichte Mme Denis liiert ist.
Nach kurzem Aufenthalt in Paris verlässt er im Sommer 1750 die Stadt (die er erst 1778 wiedersehen wird) und folgt endlich der Einladung Friedrichs nach Potsdam, wo schon andere französische Literaten und Gelehrte Hofämter ausüben. 1751 erscheint in Berlin sein Siècle de Louis XIV, eine Darstellung der französischen Geschichte des 17. Jh., die wegen der zentralen Rolle, die Voltaire darin der Institutions-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte zuweist, in der Geschichtsschreibung neue Maßstäbe setzt. 1752 wird der ebenfalls kulturhistorisch orientierte Abrége de l'Histoire universelle gedruckt, an dem Voltaire schon seit langer Zeit gearbeitet hat.
Nach zwei Jahren Sanssouci, in denen er sich mit einigen seiner neuen Kollegen anlegt, vor allem dem Akademie-Präsidenten Maupertuis, muss er enttäuscht erkennen, dass er für Friedrich nur einer neben anderen Höflingen ist. Er bittet ihn um seine Entlassung, wird aber nur beurlaubt. Aus Leipzig attackiert er nochmals Maupertuis und wird nun in Unehren entlassen, bei einem Aufenthalt in Frankfurt wird er auf Ersuchen Friedrichs sogar festgesetzt und schikaniert. Nach Stationen an einigen kleineren deutschen Höfen (Mainz, Mannheim) wartet er in den elsässischen Städten Straßburg und Colmar vergeblich auf die Rückkehrerlaubnis nach Paris und an den französischen Hof. 1755 kauft er sich in der schweizer Republik Genf ein Schlösschen am Stadtrand und gedenkt sich dort niederzulassen.
Während in Paris mit Erfolg sein neues Stück L'Orphelin de la Chine aufgeführt wird, bekommt er in Genf ersten Ärger mit dem calvinistischen Kirchenrat, weil er private Theateraufführungen organisiert. 1756 veröffentlicht er seinen monumentalen Essai sur les moeurs, eine Kulturgeschichte der Menschheit, die er insgesamt auf dem Weg des Fortschritts sieht, auch wenn ihm sein ursprünglicher aufklärerischer Optimismus fast schon abhanden gekommen ist aufgrund der persönlichen Enttäuschungen der letzten Jahre und nicht zuletzt auch des Erdbebens von Lissabon (1755), das seine deistische Grundüberzeugung erschüttert. Ebenfalls 1756 beginnt er seine Mitarbeit an dem von Diderot und d'Alembert initiierten Projekt eines Groß-Lexikons, der Encyclopédie. 1757 verschafft ihm der sehr kritische Encyclopédie-Artikel "Genève" neuen Ärger in Genf, auch wenn er ihn nicht selbst geschrieben, sondern nur beeinflusst hat. Er geht einmal mehr auf Reisen und schreibt 1758, zum größten Teil während eines Aufenthaltes im Schloss von Schwetzingen, den heute als sein bestes Werk geltenden Kurzroman Candide ou l'optimisme. Hierin führt er den ihm nach Lissabon und den Gräueln des Siebenjährigen Krieges (ab 1756) endgültig als unhaltbar erscheinenden philosophischen Optimismus ad absurdum und empfiehlt resigniert die Arbeit als einzig probates Heilmittel gegen das Unglück in einer vom Zufall beherrschten Welt. In diesem Sinne kauft er selber 1759 zwei Landgüter im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Genf, die er in der Tat hinfort bewirtschaften wird, und zwar sehr effizient. Hier verbringt er (zusammen mit Mme Denis) die letzten 18 Jahre seines Lebens, immer noch schreibend, Briefe und Besucher aus ganz Europa empfangend, mit der Macht seiner stetig wachsenden Autorität gegen Ungerechtigkeiten und Obskurantismus kämpfend (z.B. 1762 und 1766 in den religös bedingten Justizmord-Affairen Calas und La Barre).
Neben Theaterstücken verfasst er nach dem Erfolg des Candide zunehmend Erzählungen (u. a. L'Ingénu, 1767), aber auch philosophische Werke wie das erfolgreiche Dictionnaire philosophique portatif (womit er den Typ des einbändigen Lexikons kreiert). 1778 reist er nach Paris, um der Uraufführung seines neuen Stücks Irène beizuwohnen. Er wird wie in einem Triumphzug empfangen und kann sich vor Ehrungen und Einladungen kaum retten.
Nach drei Monaten Paris bricht der 84-Jährige entkräftet zusammen und stirbt.
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