|
Louise Labé ist Tochter aus der zweiten Ehe des wohlhabenden Seilfabrikanten Pierre Charly im prosperierenden Lyon und erhält eine für eine junge Frau der Zeit vorzügliche und vielseitige Bildung. Sie heiratet jung den reichen und erheblich älteren Seilfabrikanten Ennemond Perrin und heißt fortan "la belle cordière". In ihrem Salon versammelt sie die Lyoneser Literaten und Schöngeister, u. a. Maurice Scève, und lässt sie über alle Aspekte der Liebe und nicht zuletzt auch über die Stellung und Rolle der Frau in Dichtung und Gesellschaft diskutieren und schreiben.
1555 bringt sie einen Sammelband eigener Werke heraus unter dem Titel Oeuvres de Louise Labé, Lyonnaise (wobei "Labé" eigentlich der Mädchenname der früh kinderlos verstorbenen ersten Frau ihres Vaters war). Der schmale Band enthält verschiedene Werke, vor allem aber die berühmten 24 petrarkistischen Liebessonette mit spürbar autobiografischer Inspiration (von Rilke und von Paul Zech ins Deutsche übertragen).
Louise Labé ist das heute bekannteste Mitglied der Lyoneser Schule. Zu Lebzeiten galt sie als emanzipierte Frau avant la lettre. Von dem fundamentalistischen Calvin allerdings (der im nahen Genf von ihr gehört haben muss) wurde sie wegen ihres unkonventionellen und selbständigen, für eine Frau als unschicklich empfundenen Lebenswandels als "ordinäre Hure" (plebeia meretrix) beschimpft, was ihren Ruf für lange Zeit beschädigte, bis sie zur Zeit der Romantik wiederentdeckt wurde.
|
|