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Alain Chartier (ca. 13851435). Er ist Jurist und Kleriker und stammt aus einer bürgerlichen Familie in der normannischen Bischofstadt Bayeux. Sein bekanntestes und einflussreichstes Werk ist La belle dame sans merci von 1424, eine enorm erfolgreiche (Ich-)Erzählung von 100 achtzeiligen Strophen (huitains), mit dem ihm eine epochemachende Gestaltung des Typs der "gnadenlosen Schönen", vor allem aber des "schmachtenden Liebhabers" gelingt, d.h. des von der Geliebten abgewiesenen, sich jedoch nicht lösen könnenden und sich in seinem Unglück verzehrenden Liebenden. Die Belle dame sans merci wurde in den folgenden Jahrzehnten unendlich oft von anderen Autoren angeführt, zitiert, plagiiert, pastichiert und parodiert.
Chartier ist aber auch als Lyriker bedeutend (ballades, rondeaus, virelais). 1416, unter dem Schock der Niederlage eines weit überlegenen franz. Ritterheeres gegen die diszipliniert kämpfenden englischen Bogenschützen bei Azincourt (1415), verfasst er das Livre des quatre dames, eine Verserzählung, in der ein Ich-Erzähler von vier Damen berichtet, die ihn zu entscheiden bitten, wer die Unglücklichste sei:
- die, deren Freund in der Schlacht gefallen ist,
- die, deren Freund seitdem vermisst wird,
- die, deren Freund in Gefangenschaft geraten ist, oder
- die, deren Freund sich durch feige Flucht gerettet hat.
1422 schreibt Chartier das Quadrilogue invectif, ein Vierergespräch zwischen den allegorischen Figuren le Clergé, la Chevalerie, le Peuple und Dame France, wobei Dame France die Uneinigkeit der Franzosen angesichts der wirren Verhältnisse in ihrem Land anprangert. Frankreich nämlich hat soeben beim Tod des geistesgestörten Charles VI. (1422) zwei Könige bekommen: im Norden und Westen herrscht von Paris aus der kleine Henry VI (der Sohn einer Tochter von Charles VI. und des früh verstorbenen englischen Königs Henry V), über die Mitte und den Süden dagegen regiert von Bourges aus der Sohn von Charles VI., Charles VII. (dem 1429 Jeanne d'Arc zu Hilfe kommen und die Krönung in der Kathedrale von Reims ermöglichen wird).
Chartier steht fast sein ganzes berufliches Leben lang als Sekretär und Diplomat im Dienst von Charles VII., der ihn mit mehreren Domherrenpfründen belohnt. Er stirbt auf einer diplomatischen Reise in Avignon.
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