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Literatur des Mittelalters

Charles d'Orléans

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Charles d'Orléans (1394-1467). Er kommt als Sohn des ehrgeizigen Bruders von Charles VI und großen Mäzens Herzog Louis d'Orléans früh mit Kunst und Literatur in Berührung, allerdings ebenso früh und schmerzhaft auch mit der Politik:
  • 1404 wird er als Zehnjähriger mit seiner wenig älteren Kusine Isabel de France verheiratet, die aber schon Witwe des 1399 ermordeten englischen Königs Richard II. ist.
  • 1407 verliert er seinen Vater Louis, als dieser ermordet wird im Auftrag von Herzog Philippe de Bourgogne (seinem Onkel!), der mit ihm um die Machtausübung hinter dem geistesgestörten Charles VI kämpft.
  • 1408 verliert Charles auch seine Mutter Valentina Visconti durch Krankheit, nachdem sie vergeblich für die Bestrafung Herzog Philipps gekämpft hatte.
  • 1409 stibt ihm auch seine junge Frau im Kindbett, so dass er mit 15 schon Vollwaise, Vater, Witwer und Familienoberhaupt für seine Tochter und seine drei jüngeren Geschwister ist. Zugleich – schließlich ist er Herzog und Mitglied der königlichen Familie – avanciert er unfreiwillig zum Chef einer Bürgerkriegspartei, die in seinem Namen von dem ehrgeizigen Grafen Bernard d'Armagnac organisiert wird, der ihn auch gleich mit seiner 11-jährigen Tochter Bonne verheiratet (1410).
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Als Dichter beginnt Charles, nachdem seine Partei gesiegt hat und er am Hof in Paris lebt, um 1414 mit Liebesballaden im Stil der höfischen Lyrik an seine junge zweite Frau Bonne, in die er sich ganz offenbar verliebt hat und der er auch die ebenfalls seine Verliebtheit spiegelnde Traumerzählung La Retenue d'Amours widmet. 1415 gerät Charles bei der Schlacht von Azincourt in englische Gefangenschaft, die 25 (!) Jahre dauern wird. In dieser Zeit, die er auf verschiedenen Burgen bei wechselnden Gastgebern-Bewachern verbringt, verfasst er zunächst weiter Balladen, die überwiegend um das Thema Liebe und naturgemäß das Thema Trennung kreisen.

Später, nachdem er erneut Witwer geworden ist, dichtet er auch Chansons (teilweise in englischer Sprache) auf eine englische Dame. Nach seiner 1440 gegen ein enormes Lösegeld erkauften Heimkehr, einer dritten Heirat (mit der 14-jährigen Maria von Kleve) und einigen politischen Enttäuschungen zieht er sich ab ca. 1445 fast völlig zurück auf sein Schloss in Blois, wo er seine wechselnden Stimmungen und Gedanken in Balladen und, mehr und mehr, in Rondeaus verarbeitet, die sich oft wie ein poetisches Tagebuch lesen. Zugleich versucht er, seinen Hof zu einem literarischen Zentrum zu machen, indem er Höflinge und Freunde sowie auch seine lange Zeit kinderlose Frau zum Versemachen animiert und Dichter aus ganz Frankreich (darunter Ende 1457 auch François Villon) zu kürzeren oder längeren Besuchen beherbergt. Wenngleich Charles' heutiges Image als des ersten Autors von Naturlyrik nur sehr teilweise zutrifft, ist er doch einer er besten und produktivsten franz. Lyriker des ausgehenden Mittelalters. Sein spät (1462) geborener Sohn Herzog Louis d'Orléans wird 1498 französischer König als Louis XII.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur
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