| Jean-Jacques Rousseau ist geboren in Genf als Sohn eines protestantischen Uhrmachers französischer Herkunft. Seine Mutter stirbt bei seiner Geburt, weshalb er eine unruhige Kindheit und Jugend hat und ziemlich herumgeschubst wird. Mit 14 beginnt er eine Lehre bei einem Gravierer, der ihn wegen seiner Bockigkeit schlägt. Als er 1728 bei seiner Rückkehr von einem Sonntagsspaziergang die Genfer Stadttore verschlossen findet, geht er kurzentschlossen auf Wanderschaft und gerät über einen Priester an die fromme Mme de Warens in Annecy, die gerade zum Katholizismus konvertiert ist. Diese nimmt ihn auf und schickt ihn bald weiter nach Turin in das Hospice des catéchumènes, wo er sich bekehren und katholisch taufen lässt, was er später aber widerrufen wird. Zurück in Annecy, besucht er auf Wunsch von Mme de Warens das dortige Priesterseminar, bricht jedoch bald ab, weil er lieber Musiker werden will. Bei dem Kapellmeister, der ihn sein Handwerk lehren soll, hält er es aber auch nicht aus.
Nach zwei, drei Jahren unsteter Wanderschaft (unter anderem marschiert er zu Fuß nach Paris und enttäuscht zurück) kriecht er 1732 wieder bei Mme de Warens unter, die ihn wie einen Ziehsohn aufnimmt. Bei "maman" liest er, musiziert und beginnt zu schreiben. Auch wird er etwas widerstrebend von ihr in die Anfangsgründe der Liebe eingeführt. Nach acht glücklichen und für seine Bildung sehr fruchtbaren Jahren erhält er jedoch einen Rivalen in Gestalt des neuen Sekretärs von Mme de Warens. Er verlässt sie, ist einige Monate Hauslehrer in Lyon und geht dann (1741) nach Paris, um ein von ihm erfundenes Notensystem von der Académie des Sciences patentieren zu lassen. Als das misslingt, begleitet er 1743 als Privatsekretär den französischen Botschafter nach Venedig, hält es aber wieder einmal nicht aus und kehrt 1744 zurück nach Paris. Hier findet er Anschluss an andere junge Intellektuelle, insbesondere Diderot und Melchior Grimm. Über sie erhält er Zutritt zu einigen Salons, bleibt dort meist jedoch frustrierter Zaungast, da er nicht brillant parlieren kann. Auch privat macht er sich eher unglücklich: Er liiert sich mit der Dienstmagd Thérèse Levasseur, die, da er kaum Geld verdient, arbeiten muss und deshalb ihre fünf gemeinsamen Kinder eines nach dem anderen im Findelkinderheim (Enfants trouvés) ablädt. 1749 besucht er den in der Festung Vincennes eingesperrten Diderot und liest unterwegs im Mercure de France die Preisfrage der Académie von Dijon: "Le Rétablissement des sciences et des arts a-t-il contribué à épurer les moeurs ?" Er hat (im Gespräch mit Diderot?) die provokante Idee, die Frage zu verneinen, und schreibt seinen Discours sur les Sciences et les Arts (1750), worin er die nach Luxus strebende zeitgenössische französische Gesellschaft in die sittliche Dekadenz abgleiten sieht.
Der Discours läuft den optimistischen Vorstellungen der meisten Intellektuellen der Zeit zwar völlig entgegen, fällt aber trotzdem auf erstaunlich fruchtbaren Boden. Rousseau wird über Nacht berühmt, zumal er auch den ersten Preis erhält. 1752 wird seine Oper Le Devin de village ein Erfolg, 1753 seine Komödie Narcisse. Er könnte sich nun etablieren, doch mutiert er zum Natur-Apostel und vergrault endgültig seine Freunde mit der Lettre à d'Alembert sur les spectacles (1758), worin er ein liebes Kind der Aufklärung, das Theater, als potentiell unsittlich und als unnütz anprangert.
Einige Jahre vorher schon hatte er sich bei der Staatsgewalt und allen Etablierten verdächtig gemacht mit seinem Discours sur l'inégalité (1755), einer Antwort auf eine weitere Preisfrage der Académie von Dijon: "Quelle est l'origine de l'inégalité parmi les hommes, et est-elle autorisée par la loi naturelle ?" Rousseau, der kleinbürgerliche Habenichts, erklärt hierin die soziale Ungleichheit aus der Herausbildung der Arbeitsteilung und der dadurch ermöglichten Aneignung der Erträge der Arbeit Vieler durch einige Wenige, die anschließend auch die Herrschaft okkupieren und autoritäre Staatswesen organisieren, um ihren Besitzstand zu schützen. Rousseau wird mit dieser wahrhaft revolutionären Schrift einer der Väter des europäischen Sozialismus.
1756-62 lebt er in Montmorency bei Paris, erst als Gast von Mme d'Épinay, dann des duc de Luxembourg. In dieser Zeit schreibt er teilweise nebeneinander seine wichtigsten Werke: den empfindsamen Briefroman La Nouvelle Héloïse (1761), der die letztlich unmögliche Liebe des bürgerlichen Intellektuellen Saint-Preux zu der adeligen Julie d'Étanges darstellt; den Erziehungsroman Émile (1762), der das Ideal einer "natürlichen" kindgemäßen Erziehung entwickelt; den staatsphilosophischen Traktat Le Contrat social (1762), der die Rechte der Individuen gegenüber dem Staat, aber auch dessen Ansprüche gegenüber den Individuen zu definieren und zu begründen versucht und der den heute so wichtigen Begriff der Volkssouveränität kreiert, der die Grundlage der Legitimität von Volksentscheiden und allgemeinen Wahlen darstellt. Naturgemäß bringt ihm der Contrat social Schwierigkeiten bei den Herrschenden ein, vor allem aber entfesselt die im Émile als Einschub enthaltene deistische Profession de foi d'un vicaire savoyard einen Sturm der Entrüstung bei allen orthodoxen Christen.
Der Émile wird verboten, Rousseau entgeht nur durch Flucht der Verhaftung. In den nächsten Jahren führt er ein Wanderleben, u. a. verbringt er einige Monate als Gast des Philosophen David Hume in London. Nach und nach wird seine tatsächliche Verfolgung und Verunglimpfung verschlimmert durch einen Verfolgungswahn. Dieser speist einen Rechtfertigungszwang, aus dem heraus Rousseau eine Reihe autobiographischer Werke verfasst, darunter die schonungslosen Confessions (1765-70, erst postum publiziert) und die in lyrischer Prosa erzählten Rêveries d'un promeneur solitaire (1776-78).
Rousseau, der seit 1770 zurückgezogen in Paris lebt (wo seine Gegenwart von den Behörden stillschweigend geduldet wird) stirbt als Gast in Schloss Ermenonville, wo er auf der "Ile des peupliers" begraben wird. Seine literarische Nachwirkung in ganz Europa wie auch sein Einfluss auf die Pädagogik und auf die politische Theorie der Revolution und des 19. Jh. sind kaum zu überschätzen. Vermutlich ist er einer der einflussreichsten Autoren überhaupt.
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